"Einheit und Zusammenleben bröckeln" Weihbischof Heinrich warnt am Jahrestag des Mauerbaus vor neuen Mauern

Vor 65 Jahren begannen am 13. August in Berlin die Arbeiten zum Bau der Mauer. Der Berliner Weihbischof Matthias Heinrich erinnert zu diesem Anlass an die Opfer des Mauerbaus, warnt vor Mauern und betont zugleich den Wert der Einheit.

DOMRADIO.DE: Sie sind in Berlin geboren und waren sieben Jahre jung, als die Mauer gebaut wurde. Was haben Sie vor Augen, wenn Sie an die Ereignisse von damals denken? 

Dr. Matthias Heinrich (Berliner Weihbischof): Ich habe das natürlich als Kind wahrgenommen, aber ich kann mich noch an das Durcheinander erinnern, das es gab, weil niemand wusste, wie es weitergeht und was auf uns zukommt. Ängste und Fragen wie "Sehen wir uns wieder?" sind laut geworden. Meine Großeltern lebten im Ostteil der Stadt, sodass es auch für uns eine Situation gab, von der wir nicht wussten, wie sie über die Jahre einschätzbar ist. 

Es existierte auch noch die Angst vor einem erneuten Krieg, besonders als im Oktober die US-Panzer am "Checkpoint Charlie" auffuhren und viele Menschen Angst hatten, dass es gewaltsam weitergeht. Es war schon eine schwierige Atmosphäre, die man auch als Kind mitbekommen hat, aber nicht in den Gesamtzusammenhang einordnen konnte. 

DOMRADIO.DE: An diesem 13. August leiten Sie um 18 Uhr in der St. Hedwigs-Kathedrale eine Heilige Messe zum Gedenken an die Opfer der Teilung. Welche Botschaft möchten Sie den Menschen in Berlin und auch darüber hinaus mitgeben? 

Heinrich: Zunächst wollen wir dokumentieren, dass dieser heutige Tag kein Feiertag ist, sondern ein Gedenktag. Wir wollen an die Menschen erinnern, die Opfer der deutschen Teilung gewesen sind. Das sind natürlich die über 600 Mauertoten, die an der Mauer sterben mussten, aber es sind nicht nur diese Opfer. 

Es waren auch diejenigen Opfer, die aufgrund der DDR-Diktatur kein freies und selbstbestimmtes Leben führen konnten. Es waren diejenigen, die aufgrund ihres inneren und äußeren Widerstandes nicht die Chance hatten, ihren Weg in Ausbildung und Beruf zu gehen. 

Es waren die vielen Menschen, die unter der menschlichen Trennung leiden mussten. Aufgrund der politischen Verfolgung waren es viele, die in den Gefängnissen saßen. Und es gibt viele andere Opfer in Ost und West, von deren persönlichem Schicksal wir nichts genau wissen. Wir wollen heute auch deutlich machen, dass es mehr Opfer gab, als wir sie unter den Mauertoten subsumieren.

DOMRADIO.DE: Die junge Generation kennt die Teilung nur aus dem Geschichtsbuch. Sie haben die Mauer ja nie selbst erlebt. Was sagen Sie der jungen Generation?

Heinrich: Da versuche ich erstmal, die historischen Fakten geradezurücken. Ich werde hier und da von Jugendlichen vor der Firmung gefragt, ob ich aus dem Westen oder aus dem Osten komme. Dann sage ich immer: "Weder noch, ich bin schon durchs Brandenburger Tor mit meinen Eltern durchgelaufen, als es noch gar keine Mauer gab." Dann sagen sie immer: "So ein Fossil, dass so jemand überhaupt noch am Leben ist."

Ich freue mich, wenn die Leute noch das Bewusstsein haben, dass da mal eine Mauer gestanden hat, die die Menschen geteilt und getrennt hat. Es ist wichtig, aufzupassen, dass nicht wieder emotionale und mentale Mauern gebaut werden. Wir müssen versuchen, als Menschen in Deutschland zusammenzuleben.

DOMRADIO.DE: Was sind denn die großen gesellschaftlichen Herausforderungen, vor denen wir heutzutage stehen? 

Heinrich: Wir haben das große Problem, dass die Einheit und das Zusammenleben in vielen Bereichen bröckeln. Nicht alle wollen immer den gleichen Weg gehen. Es werden auch durchaus wieder Mauern errichtet. Deswegen besteht nach wie vor die Problematik, dass Menschen nicht zueinanderfinden, sondern sich trennen. 

Das sollte unbedingt ausgeschlossen und vermieden werden. Das ist ein wesentlicher Punkt für unsere Gesellschaft und für unsere zerrissene Zeit, in der wir leben, wo es viele Auseinandersetzungen und Probleme gibt.