Es muss nicht immer Santiago sein Pilgerreferentin Sabine Petters hat frische Ideen fürs Pilgern

(c) Sabine Petters

„Einmal Pilger der Hoffnung, immer Pilger der Hoffnung“, sagt Suse Bernwardt und lacht. „Das Heilige Jahr ist rum, der Spirit lebt weiter.“ Die sportliche Mittvierzigerin wohnt auf dem Gebiet der Pfarrei St. Bernhard von Clairvaux in Vorpommern. Mit einer Nord-Süd-Ausdehnung von rund 150 Kilometern ist sie die flächengrößte Pfarrei Deutschlands. Sie erstreckt sich von Kap Arkona an der Nordspitze der Insel Rügen über Stralsund, Grimmen und Demmin bis kurz vor Neubrandenburg.

„Wir haben also viele Möglichkeiten zum Pilgern. Zum Beispiel auf der Via Baltica von Usedom bis Münster oder auf dem Birgitta-Weg von der Insel Rügen quer durch McPomm bis nach Niedersachsen.“ Als „Kurzstrecke“ empfiehlt sie das Pilgern durch den Kirchenraum unter dem Motto „Der Hoffnung begegnen“. In einer Broschüre ist der Weg durch die Kirche mit Halt an 13 Stationen beschrieben. „Die Variante wird gern von Älteren genutzt, die nicht mehr so gut zu Fuß sind, aber auch von Leuten, die sich mit dem Innenleben einer Kirche nicht auskennen und zum Beispiel wissen wollen, wofür Weihwasser gut ist oder was im Tabernakel verborgen ist.“

Sehnsucht nach dem echten Leben

Um das Pilgern zu fördern und weiterzuentwickeln, wurde eine Pilgerreferentin eingestellt: Sabine Petters. Gefördert wird diese zunächst auf zwei Jahre befristete halbe Stelle vom Bonifatiuswerk und dem Erzbistum Berlin. Ihr Büro hat sie in den Räumen der Gemeinde Heilige Dreifaltigkeit in Stralsund. Sabine Petters ist ausgebildete Pilgerbegleiterin, sie betreibt selbst eine Pilgerherberge in der Nähe von Greifswald. Auf ihrem allerersten Pilgerweg entlang der Via Baltica hat die evangelische Christin das Pilgern für sich entdeckt und darin ihre Berufung gefunden, wie sie rückblickend sagt. Seither beschäftigt sie sich mit der Geschichte des Pilgerns, mit altbekannten und in den letzten Jahrzehnten wiederentdeckten Pilgerwegen.

Ihre Hauptaufgabe sieht sie in der Entwicklung innovativer Angebote mit einem bewusst missionarischen Ansatz. Pilgern sei längst nicht mehr nur was für religiöse Aussteiger, sondern werde immer beliebter bei Menschen, die sich selbst als kirchenfern bezeichnen oder keinen Bezug zu Religion haben. „Wo stehe ich, und wo will ich hin?“, seien Fragen, die viele beim Pilgern begleiten. Oft beginne unterwegs in der Natur eine tiefere Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben: „Angesichts der Schnelllebigkeit und der zunehmenden Verlagerung der Lebenswirklichkeit in den digitalen Raum wächst die Sehnsucht nach dem echten Leben.“ Was aber nicht heiße, „ich mache mich mit einer Frage auf den Weg und habe am Ende die Antwort. So läuft das nicht“, betont die Pilgerbegleiterin. „Aber vielleicht habe ich an einem kleinen Punkt eine Idee für einen Neuanfang, für die Umkehr gefunden, bin offener geworden für das Heilige, für ein Wunder?“

Beim Entwickeln neuer Pilgerformate bevorzugt sie niedrigschwellige Formate, die auch bei Menschen, die sich als nichtreligiös bezeichnen, Zugänge zur eigenen Spiritualität öffnen könnten. Sie ist überzeugt, „dass ein Pilgerweg immer auch ein Weg zu sich selbst ist, oft verbunden mit einer Erfahrung von innerer Freiheit“. Voraussetzungen für solche Angebote seien Gastfreundschaft, beispielsweise in Gemeindezentren, Pfarrhäusern oder kommunalen Begegnungszentren, christliche und spirituelle Gemeinschaft sowie eine offene Willkommenskultur.

Ihre Arbeit versteht Sabine Petters auch als eine Weiterführung der „Pilger der Hoffnung“ im Heiligen Jahr 2025; sie würde es nun „Pilgern in Hoffnung“ nennen. Als Beispiel verweist sie auf das Projekt der Tourismuspastoral Stralsund, „Mit Dir, Gott, springe ich über Mauern“, einem Pilgerweg entlang der Stadtmauern von Stralsund. Oder wenn Bewohner von Stralsund-Grünhufe durch ihren Stadtteil pilgern und dabei „Kraftorte“ für sich entdecken. Beim Projekt „Urlaub für die Seele“ können Pilger wie Urlauber an der Küste zum Beispiel bei Tagespilgertouren zu Fuß oder mit dem Fahrrad sowie bei Gottesdiensten am Strand oder am Ufer Meeresluft genießen und den Sand unter den Füßen spüren. Organisiert wird die Seelsorge am Meer von der Pfarrei St. Bernhard von Clairvaux Stralsund-Rügen-Demmin.

Pilgern neu denken bedeutet für die Pilgerreferentin auch, kürzere Formate zu entwickeln, etwa das „Fünf-Minuten-Pilgern“ als Unterbrechung der Arbeit sowie das Zugehen auf neue Zielgruppen: Pilgern mit Kindern, interreligiöses Pilgern mit Senioren oder das abendliche „Mutpilgern“ mit Frauen. Das sogenannte Pop-up-Pilgern umfasst Angebote für „Zwischendurch“: kurze Wegstrecken mit einfachen Impulsen, „zum Beispiel in der Mittagspause mit Kollegen mal zehn Minuten schweigend um den Block gehen, um Alltägliches neu zu sehen und sich danach dazu auszutauschen“. Die innovativen Ideen reichen vom Nachhaltigkeitspilgern mit dem Fokus auf der Schöpfungsverantwortung bis hin zu Varianten, die Kunst, Musik oder Literatur mit Spiritualität verbinden. „Pilgern ist Aufatmen für die Seele“, diese Erfahrung möchte Pilgerreferentin Sabine Petters vermitteln.