Zwischen Ewelina Lipinska und Dr. Gisela Sauter-Ackermann passen maximal zwei Kaffeetassen und ein dickes intensiv bearbeitetes Notizbuch. Die Sozialpädagogin in der Pfarrei St. Christophorus Barnim und die katholische Geschäftsführerin der Bundesgeschäftsstelle der Bahnhofsmission sind ein Tandem, Mentee und Mentorin, Nachwuchs- und Führungskraft mit dem Ziel, Frau Lipinska zu beraten und auf Führungsaufgaben vorzubereiten. Mehr als ein Jahr lang haben sich die beiden alle vier bis sechs Wochen getroffen, das Arbeitsumfeld besprochen, strukturelle und strategische Fragen geklärt.
Für die in Niederschlesien geborene Lipinska ist Kirche als Arbeitgeber noch eine neue Erfahrung, es ging u.a. auch darum, ihre Rolle als Hauptamtliche in der katholischen Kirche zu klären „In Polen können Frauen in der Kirche nur als Nonne, Haushälterin oder Religionslehrerin“ arbeiten. Sie ist Sozialarbeiterin in der Pfarrei tätig und hat vor allem mit Ehrenamtlichen zu tun.
Da stellt sich die Frage nach Führung in ganz anderer Weise: „Ich verstehe Führen als die Einladung ‚folgt mir!‘“, so Lipinska – und erlebt ihre Rolle als durchaus herausfordernd: „Eigentlich leiten wir im Team, aber es greifen doch auch immer wieder hierarchische Strukturen. Viele Ehrenamtliche seien höher qualifiziert als sie, oft in akademischen Berufen: „Da kann ich nichts anordnen, ich versuche, sie für gemeinsame Projekte zu begeistern“, bzw. deren eigene Ideen aufzugreifen.
In Eberswalde plant die Pfarrei ein innovatives Projekt, ein sogenanntes „Schöpfungszentrum“, mitten in der Stadt. Im Mentoring-Programm kann sie auch klären, welches ihre Rolle dabei sein soll. Es spricht auch Menschen außerhalb der Kerngemeinde an, die es zu integrieren gilt. Ganz bewusst hat sie sich neben dem Mentoring-Programm für eine Qualifizierung in „Strategischem Ehrenamts-Management“ der Akademie für Ehrenamtlichkeit Deutschland in Berlin entschieden. Denn die Führung von Ehrenamtlichen ist noch anspruchsvoller als Führung von Hauptamtlichen, teilweise besser qualifiziert in ihrem Hauptberuf.
Soziale Arbeit im kirchlichen Kontext und im Namen der Kirche, Ewelina Lipinska hat hier ihre Berufung gefunden. Ihr gelerntes Handwerkszeug wie Sozialraumanalyse hilft ihr, an einer Kirche mitzuwirken, die für die Menschen da ist.
Die dritte im Bunde ist Kristina Ober. Sie ist im Erzbischöflichen Ordinariat für Personalgewinnung und -entwicklung zuständig. Für das Programm „Kirche im Mentoring – Frauen steigen auf“ sucht sie Jahr für Jahr ein Tandem aus. Es hat die Steigerung des Anteils von Frauen in Führungspositionen der katholischen Kirche zum Ziel. Das bundesweite Mentoring-Programm wurde vom Hildegardis-Verein konzipiert und wird von ihm in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bischofskonferenz und den deutschen (Erz-)Diözesen durchführt. Es zielt zudem auf eine nachhaltige Personalentwicklung und Steigerung der Attraktivität des Arbeitsfeldes Kirche.
Ober ist überzeugt vom Instrument des Mentoring; es arbeitet stärkenorientiert, vernetzend und nachhaltig. „Kirche im Mentoring“ soll letztlich Frauen auf Führungsaufgaben in der Kirche vorbereiten.
Der Weg von Ewelina Lipinska in den Barnim begann mit einer Art Wette: 1995 hatte eine befreundete deutsche Familie der 13-jährigen Ewelina Lipinska angeboten, mit ihr in den Urlaub zu fahren, wenn sie in einem Jahr ausreichend Deutsch gelernt hätte. Und sie hat es tatsächlich geschafft!
Die Grenzgängerin zwischen Deutschland und Polen ist Ewelina Lipinska geblieben. Als Au-Pair-Mädchen in Würzburg konnte sie schon so gut Deutsch, dass sie zum Studium zugelassen wurde. Später hatte sie sich dann doch für ein Germanistik- und Sozialpädagogik-Studium in Polen entschieden, aber eben in Stettin, weil das so nah an der Grenze liegt.
Gearbeitet hat sie dann in Polen für deutsche und internationale Unternehmen, wo Deutschkenntnisse gefordert waren, meist in Leitungspositionen, z.B. in einem Logistikprojekt mit 40 Kraftfahrern oder Sprachprojekt „Nachbarspracherwerb von der Kita bis zum Schulabschluss – der Schlüssel zur Kommunikation in der Euroregion Pomerania“. Und nebenbei war sie immer auch ehrenamtlich tätig, hat beispielsweise Nachhilfe gegeben. Ihr großer Wunsch, als Sozialpädagogin zu arbeiten, ließ sich in Polen nicht verwirklichen. Im dortigen Sozialsystem sind weniger entsprechende Stellen vorgesehen. Über ein paar Zwischenstationen kam sie dann im Erzbistum Berlin an.
Ewelina Lipinska war eine der „Pionierinnen“ im Projekt Soziale Arbeit in der Pastoral. Im Rahmen des Prozesses „Wo Glauben Raum gewinnt“ ging es darum, den diakonischen Auftrag der Pfarreien zu stärken, oder anders gesagt: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewinnen, die sich mit den Themen von Menschen in Notlagen auskennen.
Ob sie das Mentoring-Programm tatsächlich noch in eine Führungsposition führen wird, ist noch nicht entschieden. Aber davon unabhängig ist sie überzeugt, dass sich das intensive Coaching für sie mehr als gelohnt hat.