KI als Psycho-Coach - Warum sie eine Therapie nicht ersetzen kann Viele befragen Chatbots zu Depressionen - bleiben aber skeptisch

Leipzig/Frankfurt (KNA) Sascha kämpft seit Jahrzehnten mit Depressionen. Nun hat der Mittvierziger eine neue Form von Unterstützung für sich entdeckt: ChatGPT. Eine halbe Stunde kommuniziert er manchmal mit dem Chatbot, wie er sagt: "Ich spreche nicht mit ihr wie mit einem Menschen. Man muss wissen, wie man bestimmte Fragen sinnvoll formuliert." Auch durch seinen beruflichen Hintergrund sei ihm klar, dass die KI einem oft "nach dem Mund" rede: "Wenn man tief in einer Depression steckt und das nicht reflektieren kann, kann es gefährlich werden."

Christoph hat beobachtet, wie schnell Chatbots die Person vor dem Bildschirm einzuschätzen lernen und auf sie eingehen. Gerade abends, wenn unterstützende Angebote telefonisch schwer erreichbar seien, könne dies überbrückend helfen. "Aber auf längere Zeit", sagt Christoph: "Nein." Beide Männer, die ihre Nachnamen und Gesichter nicht preisgeben wollen, äußerten sich am Dienstag bei einer Veranstaltung der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention.

Mehrheit erlebt KI-Austausch als hilfreich

Jeder dritte jüngere Mensch mit einer depressiven Erkrankung tauscht sich mit einem KI-Chatbot darüber aus: Das zeigt eine Befragung der Stiftung unter 2.500 Personen zwischen 16 und 39 Jahren. 85 Prozent erleben dies nach eigenen Worten als hilfreich, 75 Prozent gaben an, gestärkt daraus hervorgegangen zu sein. 65 Prozent beschreiben die Gespräche als gleich gut oder besser als mit einem Therapeuten oder einer Therapeutin - 18 Prozent als schlechter.

Als besonders positiv wurden konkrete Hinweise genannt - etwa Vorlagen für Stimmungstagebücher, eine Liste mit Notfallnummern oder Tipps zur Schlafhygiene. Doch auch negative Erfahrungen schilderten die Teilnehmenden: etwa, dass es "mir etwas peinlich ist, mit einer KI über solche persönliche Dinge zu reden", oder: "Da ist keiner, der mich wirklich versteht". Sascha zeigt sich zudem selbstkritisch: "Einer KI kann man leichter aus dem Weg gehen, wenn es unangenehm wird - ein Mensch hakt eher mal nach."

Nachfragen mit entscheidender Bedeutung

Dieses Nachhaken kann nach Erfahrung von Psychiater Ulrich Hegerl, der als Professor in Frankfurt tätig ist, im Ernstfall lebensrettend sein. Als besonders besorgniserregend betrachtet er, dass über die Hälfte der Befragten (53 Prozent) nach Gesprächen mit KI von verstärkten Suizidgedanken berichtete. Dies komme auch in Therapien vor; Suizidgedanken seien "der dunkle Begleiter jeder Depression". Doch ein Chatbot könne eine krisenhafte Zuspitzung kaum erkennen und entsprechend reagieren.

Zugleich schildert Christoph, die KI äußere mitunter ganz ähnliche Dinge wie ein Facharzt oder eine Fachärztin. "Menschen gehen manchmal schnell ins Medizinische, von der KI stehen da klare Worte - schwarz auf weiß." Auch er kennt die Systeme aus dem Berufsalltag und weiß: "Irgendwann drehen sich die Gespräche im Kreis."

In Wartezeiten lieber DiGas als Chatbots

Mit Abstand am häufigsten wird demnach ChatGPT befragt (77 Prozent), auf Platz zwei landet Gemini mit 14 Prozent. Auf die langen Wartezeiten auf Psychotherapie-Plätze angesprochen, sagte Hegerl, derzeit sei es zu früh, um die Modelle als Überbrückung zu empfehlen. Diese Wartezeiten machten ihm große Sorge.

Der Psychiater sieht zugleich die Hoffnung, dass künftig große Chancen in KI liegen könnten - auch in Ländern mit schlechterer Versorgungslage. Dafür sei jedoch weitere Forschung nötig. Er empfiehlt zunächst die sogenannten Digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGas), also verschreibungsfähige Apps, die bei Erkrankungen unterstützen könnten: Für diese Programme gebe es Studien. Sie funktionierten allerdings nicht als Gespräch, sondern eher linear.

Sprachnachrichten an ChatGPT

Ein Großteil der Befragten gab an, zusammenhängend mit den Chatbots zu kommunizieren (44 Prozent). 31 Prozent stellen demnach eher einzelne Fragen, ähnlich wie bei einer Suchmaschine. 20 Prozent derjenigen mit einer diagnostizierten Depression nehmen auch Audionachrichten auf, was einem "echten" Gespräch noch näher komme, so Hegerl.

Eine Grenze sieht er bei der Diagnostik - das versprechen sich laut Befragung 21 Prozent vom Austausch mit KI. "Das wird häufig schiefgehen", warnt Hegerl.

15 Prozent hoffen auf eine Alternative zu ärztlicher Behandlung. Sascha und Christoph sehen eher eine Ergänzung. "Mit Hilfe der KI konnte ich manches ansprechen, was mich in der Therapie gestört hat", sagt Sascha - der Chatbot habe ihm beim Formulieren kritischer Punkte geholfen. Christoph hat zudem einen konkreten Tipp: "Freundlich mit der KI zu sprechen, 'danke' und 'bitte' zu sagen, hilft tatsächlich. Man bekommt bessere Antworten."