Abschied von „Blumen-Jette“

Angelika Horn vor ihrem Laden. Foto: Cornelia Saxe

Ein Urgestein aus Berlin-Neukölln gibt ihr Blumengeschäft auf. Jahrzehntelang hat Angelika Horn auch die Kirchen des Kiezes mit Blumenschmuck ausgestattet, zu Hochzeiten, Taufen und Trauerfeiern.

Die „Blumen-Jette“ alias Angelika Horn ist ein Original, eine Neuköllner Instanz und ein Kiez-Urgestein. „Ich liebe meinen Beruf und bin stolz darauf, dass ich hier bekannt bin wie ein bunter Hund“, sagt sie. Am 27. September hat sie ihren Schlüssel zum letzten Mal in der Karl-Marx-Straße 178 zum Feierabend umgedreht. „Ich bin nicht pleite und es ist auch kein skrupelloser Vermieter daran schuld“, steht in ihrem Abschiedsbrief, der im Schaufenster hängt. Darin ist von einer 80-Stunden-Woche die Rede. „Mein Privatleben, mein Mann und auch meine Person sind oft hinten runtergefallen“, heißt es dort weiter. Und dass der Laden nach 90 Jahren wahrscheinlich kein Blumengeschäft mehr sein wird.

Drei Mal in der Woche um fünf Uhr auf den Großmarkt fahren. Ein Laden, der sechs Tage die Woche geöffnet hat und der bis heute weder über eine Heizung noch über warmes Wasser und eine Toilette verfügt, sind Arbeitsbedingungen, die Angelika Horn zwischen all den bunten und duftenden Blumen in den letzten 30 Jahren begleitet haben. „Ich habe mich gut gehalten! Gekühlte Ware hält sich länger!“, kommentiert sie die Umstände trocken. „Aber ein warmer Schlüpper und ein Unterhemd müssen schon sein!“

Während sie zum Gespräch hinten im Laden sitzt, zählt sie alle Kirchen auf, die sie zu Hochzeiten, Taufen, und Trauerfeiern beliefert hat: die katholischen Kirchen St. Clara und St. Eduard, die evangelische Magdalenen- und Bethlehemkirche, die Gotteshäuser der Baptisten und der Böhmen, mit denen sie die Herrnhuter Brüdergemeine meint. Dabei hat sie am liebsten selbst Hand angelegt, damit zum Beispiel der Altarschmuck richtig fällt.

Bräute, die nicht in Weiß heirateten, bat sie, ein Stück Stoff von ihrem Kleid mitzubringen, damit die von ihr ausgewählten Blumen „sich nicht beißen“. Jede Blume hat ein Gesicht, ist Angelika Horn überzeugt. Ihre Anordnung sei nicht nur wichtig beim Binden von Brautsträußen, sondern auch bei der Bepflanzung von Gräbern.

Ihre alte Kundschaft ist inzwischen gestorben und eine neue nachgewachsen. Während des Gespräches wollen ausschließlich junge Leute bei ihr kaufen. „Bloß keine Rosen, am liebsten Wald und Wiese und Natur pur.“ Sie habe, betont Angelika Horn, vom Zuzug der kaufkräftigen Kundschaft nach Neukölln profitiert. Und das, obwohl oder gerade weil sie es ablehnt, Fertigsträuße anzubieten. Sie hat dazu eine Art Manifest verfasst, das gleich neben der Kasse hängt. Man könne sich mit ihrer Hilfe einen individuellen Strauß zusammenstellen, heißt es dort. Fertige Sträuße dagegen entsprechen nicht ihrem Verständnis von Frische und Qualität. Diese klare Ansage passt zu der resoluten Geschäftsfrau, die ihren Sätzen gern ein nachdrückliches „Und Punkt“ hinterherschiebt.

„Wenn ich eine offene Kirche sehe, zünde ich drei Kerzen an ...“

Angelika Horn ist am Hermannplatz aufgewachsen. Getauft und konfirmiert wurde sie gleich um die Ecke in der Nikodemuskirche. Sie habe mit Gott eine eigene Philosophie erklärt sie: „Wenn ich eine offene Kirche sehe, dann gehe ich rein, zünde drei Kerzen an und hänge meinen Gedanken nach.“ Die waschechte Neuköllnerin trägt ihr Herz auf der Zunge. „Ich habe manchmal eine kurze Zündschnur“, gesteht sie. „Und es gibt Momente, wo mir eine Feder wächst.“ Manchmal kann einen ihre barsche Art auch einschüchtern.

Weil sie ihr Handwerk versteht, hält man am Ende immer einen schönen Strauß in der Hand und bekommt, wenn man Glück hat, dazu ein Lächeln geschenkt. Auf ihre ehrliche Weise hat sie auch die Konkurrenz überlebt: „Sogar die ‚Blume 2000‘ habe ich plattgemacht“, sagt sie und lacht.

Fragt man sie nach ihren schönsten und traurigsten Erlebnissen der letzten 30 Jahre, bekommt sie plötzlich feuchte Augen. Sie habe Kinder groß werden sehen, ebenso aber auch liebe Stammkunden mit ihrer Blumendekoration zu Grabe getragen. Umgekehrt hätten die Kunden an ihrem Leben teilgenommen und an ihren Geburtstag gedacht. Ihre älteste Kundin ist inzwischen 107 Jahre alt.

Weil sie als Mädchen Jette gerufen wurde, hat sie den Laden, den sie 1995 übernahm, die „Blumen-Jette“ genannt. Ihr Firmenlogo ist eine Mohnblume, die zu ihren Lieblingsblumen gehört. Auch wenn sie schon als Kind wusste, dass sie Floristin werden wollte, so wollte sie eigentlich nie selbstständig sein, gesteht die 62-Jährige. Als sie mit 34 Jahren den Laden übernahm, hatte sie schon eine Reihe von Arbeitsstellen hinter sich: „Wenn mir was nicht gepasst hat, bin ich gegangen.“ Insofern kam ihr die Sache mit dem eigenen Laden gelegen. Anfangs sei die Karl-Marx-Straße noch schön gewesen: Mit Buchhandlung, Bankfilialen und interessanten Geschäften, erinnert sie sich. Heute betreibt sie ihren Laden zwischen arabischen Konditoreien, türkischen Gemüsehändlern und Handyshops.

Ein bisschen „Blumen-Jette“ wird nach dem Abschied noch bleiben. Mit „Jettes Blumen Werkstatt“ bietet Angelika Horn in Zukunft auf Vorbestellung gefertigte Dekorationen für Familienfeiern aller Art an. „Ich bin dann Halbtags-Rentnerin“, heißt es im Abschiedsbrief. Und Punkt. Vorher wird es im leergeräumten Laden im November noch einen Abschiedsumtrunk für Geschäftspartner, Freunde, Weggefährten und Stammkunden geben. Sie wird dann ein T-Shirt mit der Aufschrift „Eine Legende geht in Ruhestand“ tragen, das ihr Mann drucken ließ. Und es gibt von ihr gekochte Kürbissuppe, die ebenfalls legendär sein soll.