Auf der allerletzten Etappe

Bengt Grünhagen will für Menschen bis zu ihrem Tod da sein. Foto: Walter Wetzler

Für die Berliner Caritas besucht Bengt Grünhagen Menschen, deren Leben sich dem Ende zuneigt. Der ambulante Hospizdienst sucht weitere ehrenamtliche und hauptamtliche Mitstreiter.

Einmal pro Woche, mindestens eine Stunde lang kommt Bengt Grünhagen mit dem Tod in Berührung. Für den ambulanten Hospizdienst der Berliner Caritas besucht der ehrenamtliche Sterbebegleiter Menschen, die in ihren eigenen vier Wänden oder in einem Wohnheim im Sterben liegen. Den Menschen kann man es ansehen, dass ihr Leben zu Ende geht. Grünhagen kann damit umgehen: „Die Themen Tod und Sterben sind nicht neu für mich. Ich war 25 Jahre lang im Bereich Intensivmedizin und -therapie tätig“, sagt der Pensionär. Eine neunmonatige Schulung half ihm dennoch zu verstehen, was auf ihn zukommen würde.

Beziehung zum Sterbenden aufbauend

„Wie wir gemeinsam die Zeit verbringen, richtet sich ganz nach dem Menschen, den ich begleite“, sagt Bengt Grünhagen. Es gehe darum, den Sterbenden ihre verbleibende Zeit so angenehm wie möglich zu gestalten. Doch woher weiß man, was der andere braucht? „Es kommt einem zugute, wenn man sich in andere hineinversetzen kann, ein gutes Gespür für Menschen hat“, sagt er. Was Grünhagen nicht sagt, im Telefonat aber deutlich wird: Seine Stimme klingt wohltuend in den Ohren, seine Aussprache ist klar, man hört ihm gern zu und hat zugleich das Gefühl, sich ihm anvertrauen zu können.

„Vielen, die sich in ihrem letzten Lebensabschnitt befinden, erscheint ihr ganzes Leben noch einmal in komprimierter Form“, sagt er. Oft hätten Sterbende den Wunsch, noch einmal über Vergangenes zu sprechen. Einer war früher viel verreist – genau wie Grünhagen. „Da hatten wir direkt eine Verbindung. Wir sahen uns alte Alben mit Urlaubsaufnahmen an und sprachen darüber, was darauf zu sehen ist. Das hat ihm viel Freude bereitet“, sagt er.

Einige wenige, die Bengt Grünhagen begleitet, sind körperlich noch relativ fit. „Dann gehen wir zusammen mit dem Rollator oder im Rollstuhl spazieren.“ Die meisten haben jedoch schon stark abgebaut, und Woche für Woche wird es schlechter. Das zehrt auch an Grünhagens Nerven. „Zu beobachten, wie die Fähigkeiten und Kräfte nachlassen, kann beschwerend sein“, sagt er. Regelmäßige Gruppentreffen mit anderen Sterbebegleitern und einem geschulten Moderator helfen ihm, damit zurecht zu kommen. „Meist sind wir vier, fünf Leute. Jeder kommt zu Wort. Ich lerne viel von den Erfahrungen anderer. Und es tut gut, belastende Erlebnisse einmal rauszulassen“, so Grünhagen.

Oft genug jedoch, sagt der Sterbebegleiter, überwiegen die Lichtblicke – selbst angesichts des nahenden Todes. Er erzählt von einem in Berlin lebenden Engländer. „Als Besatzungssoldat hatte er eine Berlinerin geheiratet und war hier geblieben. In seinem Regal fand ich ein Buch, das er – wie die Widmung darin verriet – als Schüler für seine guten Leistungen erhielt. Er wünschte sich, dass ich ihm daraus vorlese. Als ich das tat, spürte ich, wie ihn das innerlich ansprach.“ Es war sein letzter Wunsch – am nächsten Tag starb der Engländer. Als berührend empfindet der freikirchliche Christ, wenn Menschen, die lange keine Beziehung mehr zum Glauben hatten, sich ihm wieder ein Stück annähern. „Dann beten wir gemeinsam, zum Beispiel das Vaterunser“, sagt Grünhagen.

Hauptamtliche Koordinatoren gesucht

Neben Bengt Grünhagen sind 80 weitere ehrenamtliche Sterbebegleiter im ambulanten Hospizdienst der Caritas tätig. Hauptamtliche Koordinatoren haben den Überblick und erwägen, welcher Ehrenamtliche welchen Betroffenen begleiten könnte. Eine von derzeit nur zwei Koordinatorinnen ist Dienstleiterin Catharina Jebe-Akakpo. An sie werden die Anfragen nach Sterbebegleitung herangetragen.

„Angehörige oder Einrichtungen, in denen die Menschen leben, wenden sich an uns“, sagt Jebe-Akakpo. Bei einem ersten Treffen geht es ums Kennenlernen. „Danach schauen wir: Welcher Begleiter passt zu der Person? Die Chemie zwischen beiden muss stimmen, ansonsten gibt es kein Vertrauen und auch keine Beziehung. Die Angehörigen binden wir von Anfang an eng mit ein.“ Auch die räumliche Nähe sei ein Kriterium, im Bestfall sind die Wege kurz. Auch während die Sterbebegleitung läuft, unterstützt Koordinatorin Jebe-Akakpo die Beteiligten bei Bedarf weiter: „Die Person und die Angehörigen, die häufig Hilfe über unsere Sterbebegleitung hinaus gebrauchen können, ebenso wie die ehrenamtlichen Kollegen, die unheimlich viel Zeit und Herzblut in ihr Tun stecken.“

Neben weiteren ehrenamtlichen Sterbebegleitern sucht der ambulante Caritas-Hospizdienst schon länger dringend Verstärkung für die Koordinatoren im Hauptamt, „am besten mit Berufserfahrung in der Pflege oder der sozialen Arbeit“, so Jebe-Akakpo. Wichtig seien zudem Offenheit für die Betroffenen, aber auch für die Ehrenamtlichen. „Jeder von ihnen bringt seine eigene Biografie mit. Die Menschen kennenzulernen und mit ihnen umzugehen, finde ich sehr spannend und reizvoll.“

Catharina Jebe-Akakpo ist überzeugt von der Hospiz- und Palliativbewegung, dem Anliegen, „Menschen in ihrer letzten Lebensphase zu helfen, dass sie zu Hause sterben können. Wir wollen für sie da sein, ihnen die Angst vor Schmerzen und vor allem vor dem Alleinsein nehmen“. Sie möchte den Hospizgedanken gern noch bekannter machen. „Viele Betroffene und ihre Angehörigen sagen: Hätte ich das mal früher gewusst, dass es so etwas gibt.“ Auch deshalb würde sich die Leiterin über jüngeren Zuwachs ihres kleinen Koordinatorenteams freuen. Frische Ideen und Impulse würden gebraucht, auch im Bereich Netzwerken.

„Mit vielen kleinen Dingen kann ich Menschen direkt vor Ort helfen“, sagt sie. Oft werde sie von Betroffenen und Angehörigen gefragt: „Haben Sie wirklich so viel Zeit für mich? Sie müssen doch bestimmt gleich weiter.“ Dann seien sie überrascht, wenn Jebe-Akakpo bleibt und sagt: „Die Zeit für Sie, die nehme ich mir einfach.“