Ausgezeichnete Nächstenliebe

Johannes Mesus nimmt die Auszeichnung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) entgegen. Foto: Stefan Schilde

Zusammen mit seinem Vater besucht Johannes Mesus Beerdigungen von Berlinern, die einsam gestorben sind. Für sein Engagement ist er nun mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet worden.

Bellevue haben an diesem kalten 1. Adventstag wirklich viel dafür getan, dass den Gästen warm wird. Der Saal war gut beheizt, und als die junge Violinistin, begleitet vom Klavier, über ihr Instrument strich, streichelten die Klänge Mozarts, Bachs und Schumanns manchen Gästen sichtbar auch die Seele.

Doch als Johannes Mesus nach vorn trat, um vom deutschen Staatsoberhaupt höchstpersönlich seinen Verdienstorden entgegenzunehmen, wurde der Raum noch einmal gefühlt zwei, drei Grad wärmer. Denn zusätzlich zum Händedruck bekam Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vom Auszuzeichnenden eine herzliche Umarmung, die er überrascht, aber sichtlich erfreut erwiderte.

Zuvor hatte Steinmeier in seiner Rede zum „Tag des Ehrenamtes“ unter anderem von der Dunkelheit gesprochen, die derzeit in den Bildern aus aller Welt ebenso wie hierzulande sichtbar werde, von Hass und Unversöhnlichkeit, die die Gesellschaft bedrohten. Aber auch von den Millionen Menschen in Deutschland, die dagegen angehen, indem sie sich Tag für Tag ehrenamtlich für ihren Nächsten engagieren.

„Jeder Mensch soll in Würde bestattet werden“

Bei Johannes Mesus ist es noch einmal ganz anders. Denn die Nächsten, für die der 39-Jährige sich einsetzt, sind ihm in der Regel völlig unbekannt und, mehr noch, bereits von dieser Welt gegangen. Es sind Verstorbene, deren Begräbnisfeier wenige oder keine Angehörige beiwohnen. Dann steht Johannes Mesus mit seinem Messgewand und dem langstieligen Kreuz neben dem Grab und vollzieht mit dem Priester oder Diakon die Bestattung nach katholischem Ritus. Stets an seiner Seite: sein Vater Georg.

„Die meisten, die wir beerdigen, sind katholisch“, erklärt Georg Mesus. „Auch wenn die Konfession für uns im Grunde keine Rolle spielt. Aber dass es nach katholischem Ritus abläuft, ist Voraussetzung dafür, dass wir dabei sind.“ Ursprünglich darauf gebracht hatte sie Olaf Tuszewski, Diakon in der Berliner Pfarrei St. Elisabeth, die die Stadtteile Tiergarten und Wedding umfasst. „Er erzählte uns von den einsamen Begräbnissen. Da wollten wir etwas tun. Jeder Mensch verdient es, in Würde bestattet zu werden“, sagt der ehemalige Polizist. Also sind sie dabei. „Bei Wind und Wetter“, wie er sagt. Seit nunmehr fünfeinhalb Jahren.

Die Herausforderung bestand anfangs unter anderem darin, für Johannes, der das Down-Syndrom hat, eine Behindertenwerkstatt zu finden, die bereit ist, ihn für seinen speziellen Dienst freizustellen. Ein Brief an Erzbischof Heiner Koch half. „Er verwies an uns an die Delphin-Werkstätten, die vom Sozialdienst katholischer Frauen getragen wird. Dort fand man die Idee toll und war bereit, uns zu unterstützen.“

Kleine Gesten bestärken zum Weitermachen

Sie wüssten das Entgegenkommen der Dienststelle zu schätzen, denn selbstverständlich sei es nicht. Rund 210 Beerdigungen haben sie bisher schon begleitet, in diesem Jahr schon über 60. Johannes‘ Mutter Editha hat alle Hände voll zu tun, die E-Mails mit den Anfragen aus dem Pfarrbüro zu checken, den Terminplan mit den bevorstehenden Beerdigungen aktuell zu halten.

Johannes und seine Eltern wollen weitermachen mit ihrem besonderen Ehrenamt. Schon das Lächeln eines Angehörigen sei an sich Lohn und Bestärkung genug. „Nach einer Gräbersegnung hat er sogar mal einen Dankesbrief erhalten. Wie ein Engel sei er, schrieb der Verfasser über Johannes“, erzählt Georg Mesus und strahlt dabei.

Und die Zeremonie mit dem Bundespräsidenten, der Musik, Nachrichtensprecherin Susanne Daubner als Moderatorin? „Es ist schon ziemlich aufregend“, sagt Johannes Mesus über den Trubel. „Das stimmt“, ergänzt Georg Mesus. „Andererseits hätte diese bundesweite Aufmerksamkeit auch seinen Nutzen, wenn sich anderswo Menschen ermuntert fühlen, das Gleiche zu tun.“ Und natürlich sei es auch ein besonderer Moment, hier dabei zu sein. Wo die Urkunde und das Kreuz in der Wohnung ihren Platz finden? „Vielleicht ja in der Ecke, wo meine Sachen von Hertha sind“, sagt Johannes Mesus, der ein großer Fußballfan ist. Sein Vater ist sich sicher: „Wir finden schon einen schönen Platz, ganz bestimmt.“