Mit der Hedwigsmedaille – der höchsten Auszeichnung für Laien im Erzbistum – wurden zum Jahresanfang sechs Katholiken geehrt. Der Tag des Herrn stellt sie in lockerer Folge vor. Heute: Professor Karl-Michael Derwahl.
Die Sprechstunde ist zu Ende, Professor Karl-Michael Derwahl verabschiedet die letzte Patientin aus seiner Praxis in Prenzlauer Berg. „Hier trainiere ich ab“, sagt er und lacht. Knapp zwanzig Jahre war er Chefarzt und Ärztlicher Direktor des St. Hedwig-Krankenhauses. „Bis zu 60 Stunden in der Woche habe ich gearbeitet. Da sollte man mit der Pensionierung nicht plötzlich auf Null runterfahren.“ Der Facharzt für Innere Medizin praktiziert jetzt an zwei, drei Tagen in der Woche. Der Arztberuf ist für ihn Berufung. Als Kind wollte er Missionar werden, in Neu-Guinea: „In meinen Abenteuerbüchern hatte ich als Junge von den Ureinwohnern gelesen, das fand ich spannend.“ Später studierte er dann doch Medizin statt Theologie. In der Hamburger Studentengemeinde lernt er seine Frau kennen. Sie heirateten, zwei Jungen und ein Mädchen wurden geboren. Auch wenn es mit dem Missionieren in fernen Ländern nicht geklappt hat – Professor Derwahl bleibt der jesuanischen Aufforderung zur Mission treu. Evangelisierung ist für ihn Herzenssache. Mit seiner Frau, einer katholischen Religionspädagogin, leitet er seit 15 Jahren Firmkurse in seiner Pfarrgemeinde. Auf eine unverkrampfte Art über Gott reden, Suche und Sehnsucht junger Menschen ernstnehmen, den eigenen Glauben mitteilen und mit anderen teilen sind für ihn Möglichkeiten, das Interesse an Gott wach zu halten. Und zwar nachhaltig: Seine Frau und er wollen jetzt Glaubensgesprächsabende für junge Erwachsene anbieten, „damit sie sich nach der Firmung nicht von der Kirche verabschieden“.
Glaubensschwund als Hauptproblem
Er selbst stehe fest zur Kirche, auch wenn er „manchmal weinen“ müsse über all das, was ans Licht kam. Er ist überzeugt: „Der Synodale Weg ist wichtig, aber wichtiger ist die Glaubensvermittlung.“ Der Glaubensschwund sei das Hauptproblem, nicht Strukturen und Ämter. Deshalb antwortet er auf die Frage, ob er nicht in den Gremien der Kirche mitarbeiten wolle, mit „Nee, weil ich als Ärztlicher Direktor lange genug in Gremien gesessen habe und über Formalien verhandeln musste“. Und gegen Windmühlen wolle er auch nicht mehr kämpfen. Aber müsse er sich als Rentner nun ausgerechnet um die jungen Leute in der Pfarrei kümmern? „Kümmern nicht, aber Initiativen ergreifen. Denkanstöße können und sollten auch die Älteren in der Gemeinde geben.“ 15 Jahre lang war Professor Derwahl Vertrauensarzt für Geistliche und Laien im pastoralen Dienst des Erzbistums. Auch da ginge es nicht primär darum, ob der Priesteramtskandidat oder die angehende Gemeindereferentin körperlich fit sei, „sondern ob sie oder er psychisch belastbar ist; empathisch und kommunikativ ist, offen auf Menschen zugehen und Freude am Glauben ausstrahlen kann“. Ebenso wichtig sei die Rückbindung an eine Gemeinschaft, an die Familie oder eine geistliche Gruppe. „Da fühlt sich einer zum Priester berufen, wird geweiht – und sitzt dann irgendwo auf dem Land im Pfarrhaus, feiert mit fünf, sechs alten Damen Gottesdienst und fühlt sich mutterseelenallein. Das geht nicht gut.“
Das Christliche im Krankenhaus betonen
Karl-Michael Derwahl ist mit Herzblut katholisch. Und so verwundert es nicht, dass den ehemaligen Ärztlichen Direktor des St. Hedwig-Krankenhauses, eines der ältesten Großkrankenhäuser Berlins, eine Frage umtreibt: Was ist das Katholische am katholischen Krankenhaus? Die christliche Dimension gehe immer mehr verloren, stellt er fest, „und wenn der Geist Jesu Christi nicht mehr herrscht, hat das konfessionelle Krankenhaus seine Berechtigung verloren“. Noch erlebten die Patienten Ordensfrauen und christliche Mitarbeiter, den persönlichen Umgang mit Schwerstkranken und Sterbenden, die Gottesdienste in der Kapelle. „Das ist etwas ganz Wertvolles. Das darf nicht verlorengehen, da muss die Kirchenleitung aufpassen. Denn es geht um den Menschen, um die Patienten, um die Mitarbeiter und erst an dritter Stelle um Umsatzzahlen.“ Wirtschaftlich müsse eine Klinik sicherlich arbeiten, ja, aber nicht in erster Linie gewinnorientiert: „Ein christliches Krankenhaus darf nicht nach den Kriterien der Profitsteigerung geführt werden.“ Damit die Christlichkeit nicht auf der Strecke bleibt.