Sie steht jedes Jahr etwa 150 jungen Menschen bei: Die Online-Suizid-Prävention der Berliner Caritas für Jugendliche erreicht Hilfesuchende über gleichaltrige Berater – und über das Internet.
„Wir gehen mit rein ins Loch, bringen vielleicht noch eine Decke mit und halten mit aus.“ So beschreibt Anna Gleiniger die Arbeit der von ihr geleiteten Berliner Online-Suizid-Prävention der Caritas für Jugendliche mit dem knappen Namen U 25.
U 25 meint junge Menschen unter 25 Jahren. Manche von ihnen geraten in einen Zustand, in denen das ganze Leben zur Qual wird. Sie leiden an der Welt, an sich, an Einsamkeit und daran, nicht verstanden zu werden. Sie fühlen sich schließlich so bedrückt, dass sich ihnen der Selbstmord als einziger Ausweg aufdrängt. Im Schnitt sind es in Deutschland 600 pro Jahr oder etwa zwei von ihnen pro Tag, die es nicht schaffen, diesem dunklen Sog zu entkommen und ihrem jungen Leben ein Ende setzen. Suizid ist unter Jugendlichen die zweithäufigste Todesursache nach Verkehrsunfällen.
Dabei könnte ihnen geholfen werden, wieder leben zu wollen. Aber viele wissen nicht, an wen sie sich in ihrer Not wenden sollen. Beratungsstellen suchen sie in der Regel nicht auf, auch weil sie sich mit ihrem Problem ungern an Erwachsene wenden. Ihre Freunde trauen sie sich nicht anzusprechen. Weniger nahestehenden Gleichaltrigen würden sie sich aber anvertrauen, am liebsten in einem geschützten Raum im Internet.
Auffangen in der akuten Notlage
Dieser Tatsache trug der Freiburger katholische Verein „Arbeitskreis Leben“ 2002 mit der Gründung von U 25 Rechnung. Die Inanspruchnahme des Angebotes war so massiv, dass bald erwogen wurde, es auch andernorts einzurichten. Mittlerweile gibt es in Deutschland neun Standorte. Der in Berlin ist der größte. Vier Mitarbeiter, die Sozialpädagogin Anna Gleiniger als Leiterin eingeschlossen, und aktuell etwa 30 Ehrenamtliche stehen den Jugendlichen, die sich mit Selbstmordgedanken tragen, zur Seite.
Das Besondere an U 25 ist: Die Hilfesuchenden und jene, die ihnen in ihrer Situation beistehen, gehören zur selben Altersgruppe. Es geht nicht um eine klassische Beratung, der Austausch per Mail ist auch kein Ersatz für eine eventuell erforderliche Therapie. Es geht um ein Auffangen in der akuten Not, ein verständiges Erfassen der Situation, das Entdecken kleiner Ansatzpunkte und Schritte, vor allem auch um
ein Mitaushalten, kurz: um Verständnis und Mitgefühl ohne vorschnelle Ratschläge. Die Kommunikation
läuft dabei über E-Mails.
Um dafür geeignete Personen zu finden, wird bei der Auswahl der Bewerber nicht nur geprüft, ob sie stabile Persönlichkeiten sind, die so etwas leisten können. Es wird auch gefragt, ob sie
selbst schon einmal in einer vergleichbaren Situation waren. Das sorgt dafür, wie Anna Gleiniger sagt, „dass sie es wirklich wissen, wenn sie sagen: Ich verstehe, was du meinst.“ Eine dreimonatige Ausbildung, die Kenntnisse über suizidale Entwicklungen und psychische Störungen vermittelt,
Beratungstechniken anhand von Fallbeispielen erläutert und eigene Krisenerfahrungen reflektiert, sorgt für die fachliche Zurüstung. Gleich beim ersten Kontakt mit den Hilfesuchenden werden sie gefragt, ob sie Selbstmordabsichten haben.
Dieser Offenheit, die dazu dient, den Kern der Notlage ohne Umschweife ins Zentrum zu rücken, wird in der Regel ebenso offen begegnet. Den sich dann ergebenden Austausch begleiten die hauptamtlichen Mitarbeiter. Um angemessene und emotional hilfreiche Reaktionen abzusichern und im Ablauf des Mail-Verkehrs die richtigen Schritte zu gehen, lesen sie die Mails der ehrenamtlichen jungen Präventionshelfer gegen und übernehmen die Endredaktion. Die Berliner Online-Suizid-Prävention kann etwa 150 Hilfesuchenden pro Jahr beistehen.
Die Nachfrage ist weit höher. 80 Prozent von ihnen sind Mädchen und Frauen, den größten Anteil haben Vierzehn- bis Sechzehnjährige. Die Mehrzahl von ihnen beendet den Mail-Kontakt mit einem Dank für die erfahrene Begleitung. Die Freude über die wiedergefundene Lebensfähigkeit ist beidseitig, wie es die Antwortmail eines Präventionshelfers auf die gute Nachricht beispielhaft zeigt. Dort ist zu lesen: „Ich bin wirklich begeistert, wie toll du dich in den letzten Monaten wieder aus deinem Loch herausgezogen hast und jetzt wieder fest im Leben stehst.“
U25 bildet ab 1. April dieses Jahres weitere vierzehn ehrenamtliche Präventionshelfer aus. Informationen
unter: <link http: www.u25-berlin.de>www.u25-berlin.de