Dem heutigen Ich den Rücken kehren

Foto: Konstantin Manthey

Ein Betstuhl und ein dreiflügeliger Spiegel – das ist die Ausstattung im „Raum der Umkehr“ in der Krypta der Berliner Sankt Hedwigs-Kathedrale. Denn wer auf dem Stuhl betet, schaut nicht zurück in den Spiegel.

„Was haben Sie denn zuerst gesehen“, fragt der Theologe und Kunsthistoriker Konstantin Manthey in die Gruppe, als sie bei der Führung durch die Krypta von Sankt Hedwig den „Raum der Umkehr“ erreicht haben. „Na, mich hab ich gesehen, im Spiegel“, so die spontane Reaktion einer Besucherin. 

Ein dreiteiliger dunkel getönter Spiegel dominiert den Raum. Er spiegelt den, der hineinschaut, so, wie er gerade ist, welches Gesicht er zeigt in diesem, für den einzelnen sehr intimen, Moment. Einem Spiegel „entkommt man nicht“, sagt Konstantin Manthey und schmunzelt. „Wer an einem Spiegel vorbeikommt, schaut hinein. Ist einfach so.“ 

Außer dem dreiteiligen Spiegel mit zwei ausklappbaren Flügeln, der wie ein Altarbild in der Kapelle steht, gibt es nur ein Objekt im Raum: einen einfachen Betstuhl, auf dem eine Person knien könnte. Er zeigt zur Mitte der Krypta, zum Taufbecken. Wer sich hinkniet, kehrt seinem Spiegelbild, seinem heutigen Ich, den Rücken. Die Botschaft werde verstanden, ergänzt Roland Metzler, der regelmäßig Besucher durch die Kathedrale führt. „Die Leute kommen dem Kunstwerk ganz schnell auf die Schliche.“ Manchen fiele die Redewendung „Ich will auch morgen noch in den Spiegel schauen können“ ein. Andere wünschten sich, ihre Sünden hinter sich lassen zu können, Vergebung zu empfangen und neu anfangen zu können, „so neu wie durch die Taufe“. Oder sie fühlten sich an den Beichtspiegel ihrer Kindheit und die Gewissenserforschung erinnert. 

„Kehrt um!“ – ein biblischer Weckruf, der für alle und alle Zeiten gilt. Denn die Täter sind nicht immer nur die anderen. Was jüngst auch innerkirchlich erschreckend deutlich geworden ist, heißt es im Kurzführer durch die Sankt Hedwigs-Kathedrale. 

Beim Rundgang durch die Krypta seien die Besucher im Raum der Umkehr „am Bedächtigsten, fast andächtig, hoch konzentriert“, hat Konstantin Manthey beobachtet. „Sicher auch, weil die existenziellen Fragen nach Schuld und Vergebung jeden betreffen. Denn keiner ist ohne Schuld, jeder braucht Vergebung. Das geht unter die Haut.“ Allerdings sollte man bereit sein, dem zu vergeben, der einen verletzt hat. „Und auch sich selbst vergeben können, was schwerer fallen kann, als einem anderen die Hand zur Versöhnung zu reichen.“ 

Seit einigen Jahren wird dem Sakrament der Buße nur noch ein Nischendasein zugeschrieben. In der Kathedrale sind – gegen diesen Trend – neben dem „Raum der Umkehr“ sogar vier Beichtkapellen eingerichtet worden – zum Empfang des Bußsakraments und für seelsorgliche Gespräche. „Oft wird vergessen, dass die Vergebung im Christentum ein ganz zentrales Anliegen ist“, erklärt Roland Metzler. Jesus kümmerte sich nicht nur um die Frommen, die Rechtschaffenen, sondern auch und ganz besonders um Menschen, die schuldig geworden waren wie der Zöllner oder die Ehebrecherin. Die vornehmste Aufgabe der Apostel war es, Sünden zu vergeben. Das sei „ein Alleinstellungsmerkmal des Christentums“. Die Vergebung der Sünden ist neben der Auferstehung der Toten und dem ewigen Leben die eigentliche Verheißung. Diese drei Glaubensaussagen waren für den Glauben der letzten zwei Jahrtausende bestimmend. 

Und wieder ist der dunkle Spiegel im „Raum der Umkehr“ im Blick. „Vor einem Spiegel kann ich nicht schummeln. Er spiegelt mich schonungslos“, sagt Konstantin Manthey. Als Kunsthistoriker erinnere ihn der Wandspiegel an ein Triptychon, etwa an die Flügelaltäre des Lucas Cranach d.Ä.. 

Dann zitiert Manthey den Brief an die Gemeinde in Korinth: „Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse. Dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin.“ (1 Kor 13,12)