Vor 80 Jahren starb der selige Bernhard Lichtenberg, Dompropst an Sankt Hedwig, während der Deportation nach Dachau. Bedingt durch seinen Glauben hatte er sich mit den Nationalsozialisten angelegt.
Ein Zeitzeuge erinnert sich: „Was Pfarrer Lichtenberg sich einmal vorgenommen hatte, das führte er durch. Koste es, was es wolle, gegen alle Widerstände. Er hat, wie wir so sagen, ‚den Leuten janz schön uffjemischt‘, er hat sich wirklich durchgesetzt. Die Kirche, das war seine Werkstatt. Schon früh um halb sechs war er im Beichtstuhl. Im Predigen war er ganz groß. Wenn er predigte, war die Kirche gerappelt voll.“
Arbeitswütiger Schlesier in der Großstadt
Bernhard Lichtenberg wird 1875 im Städtchen Ohlau in Niederschlesien geboren. Nach Theologiestudium und Priesterweihe kommt er im Jahr 1900 nach Berlin, zunächst als Kaplan von St. Mauritius in Friedrichsberg- Lichtenberg, einer aufstrebenden Landgemeinde am Rande Berlins, deren Einwohnerzahl geradezu explodiert. Hautnah erlebt der junge Seelsorger die Industrialisierung sowie die daraus resultierenden Probleme wie Armut und Verelendung mit. Später schreibt er im Gefängnis Berlin-Tegel sitzend über diesen Anfang: „Dass ich in eine Arbeiterpfarrei gekommen war, wollte mir lange nicht einleuchten.
Man hat eben in Schlesien andere Begriffe. Nur die alten Mütter, die im großen Umschlagtuch jeden Morgen zur heiligen Messe kamen, blieben ihrer alten Mode treu. Die Kirche St. Mauritius in Lichtenberg stand damals erst halb. Ich konnte noch bequem um die kleine Kirche gehen und Brevier beten. Da geschah es in den ersten Wochen, dass eine Frau mit einem Kind auf dem Arm erstaunt der dürren Gestalt im Talar – mir also – nachsah und sagte: ‚Mensch, wie siehst du denn aus!‘ Als ich die Tür zur Kirche schloss, fügte sie hinzu: ‚Ja, mach die Bude zu.‘“
Das tut er aber nicht. Geradezu arbeitswütig stürzt er sich in die Großstadtseelsorge, gründet Gemeinden, baut Kirchen, sammelt die Katholiken, die in die Reichshauptstadt strömen. Neben der Seelsorge betätigt sich Bernhard Lichtenberg politisch, unter anderem als Abgeordneter der Berliner Stadtverordnetenversammlung. Er ist Mitglied der Zentrumspartei, setzt sich für die Einführung einer Arbeitslosenversicherung, günstigen Wohnraum für Familien und geregelten Religionsunterricht ein.
1931 wird Lichtenberg zum Domkapitular an Sankt Hedwig ernannt, 1932 zum Dompfarrer und 1938 zum Dompropst. Mit seiner Berufung zum Domkapitular legt er zwar alle politischen Ämter nieder, bleibt aber ein politisch engagierter Priester. der unbeirrt zu seiner Überzeugung steht. Als der Dompropst am 9. November 1938 in Berlin-Mitte die Reichspogromnacht erlebt, dröhnen Hitlers Sprüche aus „Mein Kampf“ in seinem Kopf. Niemals wird es eine Brücke geben zwischen heidnischem Nationalsozialismus und christlichem Glauben, schwört er sich. Als sich die Domgemeinde zum Abendgebet versammelt, hört sie ihn öffentlich für die verfolgten Juden beten – nur wenige hundert Meter von der Reichskanzlei entfernt.
„Nehme alle Konsequenzen in Kauf“
1942 gibt Lichtenberg im Gestapo- Verhör zu Protokoll: „Ich kann als katholischer Priester nicht von vornherein zu jeder Verfügung und Maßnahme, die von der Regierung getroffen wird, Ja und Amen sagen. Wenn sich die Tendenz der Regierungsverfügungen und Maßnahmen gegen die Lehre des Christentums und damit gegen mein priesterliches Gewissen richtet, werde ich meinem Gewissen folgen und alle Konsequenzen mit in Kauf nehmen, die sich daraus für mich persönlich ergeben.“
Wegen seines öffentlichen Eintretens für die Juden sowie der scharfen Kritik an den „Euthanasie“- Morden wird er verhaftet und 1942 wegen Vergehens gegen das „Heimtückegesetz“ sowie Kanzelmissbrauchs zu zwei Jahren Haft verurteilt. Nach der Strafhaft im Gefängnis Tegel soll er ins KZ Dachau überstellt werden, weil mit seiner „Bekehrung zum Nationalsozialismus“ nicht zu rechnen sei, wie es im Bericht heißt. Auf dem Transport stirbt Bernhard Lichtenberg am 5. November 1943 schwerkrank im Krankenhaus der Stadt Hof. Sein Leichnam wird nach Berlin überführt und unter großer Anteilnahme der Katholiken am 16. November 1943 auf dem Domfriedhof St. Hedwig beigesetzt. Nach dem Begräbnis tritt ein Mann, der mit Lichtenberg im Gefängnis war, auf einen Trauernden zu und sagt: „Sie haben heute einen Heiligen begraben.“
Die Seligsprechung Bernhard Lichtenbergs als Märtyrer erfolgte durch Papst Johannes Paul II. am 23. Juni 1996 vor 100 000 Gläubigen im Berliner Olympiastadion. Das Erzbistum Berlin strebt auch seine Heiligsprechung an. Mit der Einleitung des Seligsprechungsprozesses 1965 wurden seine Gebeine in der Unterkirche der Sankt Hedwigs-Kathedrale beigesetzt. Während der Schließung der Kathedrale befindet sich das Grab vorübergehend in der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum.