Die Sehnsucht nach Ruhe

Blickfang auf dem Jakobsweg bei Werneuchen (Landkreis Barnim) sind vier Holzfiguren, drei Pilger, die von einem Engel geleitet werden. Geschaffen hat sie der Künstler Ekkehard Koch aus Börnicke. Foto: imago images/Hohlfeld

Der Jakobsweg wird für immer mehr Menschen zum Sehnsuchtsort. Doch um auf ihm zu pilgern, muss man nicht weit reisen. Pater Ryszard Krupa von den Herz-Jesu-Priestern in Berlin-Prenzlauer Berg bietet Tagespilgern auf dem Jakobsweg durch Brandenburg an.

Nicht Mallorca, Florenz, Miami ... sondern Deutschland wird das Reiseziel der meisten in diesem Jahr sein. Sie bieten Pilgern an. Kann das Urlaub ersetzen oder aufwiegen?

Nein. Es geht um etwas ganz anderes. Wir bewegen uns in der Natur und wollen zur inneren Ruhe gelangen. Dafür bieten wir Pilgertage an. Es ist wie ein geistlicher Besinnungstag oder Kurzexerzitien. Unser Angebot ist weder Urlaub im Ausland noch im Inland. Wir gehen auf dem Jakobsweg in Brandenburg und das seit mittlerweile vier Jahren.

Es fehlt doch das Gefühl der weiten Ferne?

Das stimmt. Aber ein Tag Ruhe kann ja auch etwas bewirken und innerlich zur Ruhe kommen lassen. Das ist sehr wichtig. So berichten es uns die Teilnehmer immer wieder. Gerade die Städter genießen es, keine Autos zu hören, keinen Terminstress zu haben, mal nicht reden zu müssen.

Jetzt hatten die meisten im ersten Halbjahr durch Corona mehr Ruhe als ihnen lieb ist?

Meiner Meinung nach mussten sie auf äußerliche Aktivitäten verzichten. Die innerliche Ruhe fehlt ihnen trotzdem. Viele quälen Ängste und Fragen zur Zukunft. Das sind schlechte Bedingungen dafür, dass sich Ruhe einstellen kann.

Wie läuft das Pilgern ab?

Wir starten gemeinsam in Berlin und fahren zum Ausgangspunkt des Pilgerns. Das ist schon ein wichtiger Ausdruck unseres Tuns, denn wir pilgern zusammen als Gemeinschaft mit einem gemeinsamen Ziel. Wir starten vor Ort mit einem geistlichen Impuls, dann laufen wir im Schweigen zirka eine Stunde. Obwohl wir uns nicht unterhalten, entsteht hier schon Gemeinschaft. Danach machen wir eine Pause, wo wir uns einander vorstellen und uns stärken. Gut gestärkt geht das Pilgern dann weiter, jeder so, wie er es gerade braucht, im Schweigen oder im Gespräch mit anderen Pilgern oder mit mir als Seelsorger. So ist über die Jahre eine kleine Gemeinschaft entstanden, die aber offen ist für neue Pilger. Nach zirka 5 Stunden kommen wir an unserem Zielpunkt an, und fahren gemeinsam zurück nach Berlin.

Das heißt, manche sind regelmäßig dabei?

So ist es. Wir bieten vier bis fünf eintägige und eine zweitägige Pilgertour im Jahr an. Einen Tag Zeit fürs Pilgern können sich viele zwischendurch einrichten.

Wie ist das Altersspektrum?

Zwischen zwölf und 80 Jahren.

Wie sollte man sich aufs Pilgern einstellen?

Große Vorbereitung braucht man nicht. Er reicht, wenn man die Sehnsucht hat, innerlich ruhig zu werden, dabei mit anderen draußen zu sein und die Natur zu erleben. Man sollte auch bereit sein, sich den Tag fürs Pilgern frei zu machen.

Wie lang sind die Strecken?

Wir laufen zwischen 15 und 20 Kilometer. Die Strecken sind sehr einfach zu gehen. Wir laufen etwa fünf Kilometer pro Stunde. Zwischendurch machen wir Pausen. Die Gruppe zieht sich ziemlich auseinander.

Wie muss die Ausrüstung sein?

Das wichtigste sind geeignete Schuhe, es braucht aber keine speziellen Wanderschuhe. Etwas zu trinken und zu essen muss man auch mitnehmen. Viele Wanderungen führen durch den Wald. Da gibt es keine Geschäfte. Bei der Anmeldung erhält man genaue Informationen über Route, das Zugticket und den Treffpunkt. Vom 22. bis 23. August wollen wir uns wieder auf den Weg machen.

Wie soll ich mich unterwegs verhalten?

Das muss jeder für sich entscheiden. Ich höre aus Gesprächen mit Pilgern raus, dass das Schweigen sehr wichtig ist. Am Anfang steht der Impuls, als geistliche Wegzehrung für unterwegs.

Kann man das auch alleine machen?

Natürlich. Aber das Gehen in der Gemeinschaft, auch schweigend, schafft Vertrauen und Geborgenheit.

Feiern Sie unterwegs eine Messe?

Nur wenn wir zwei Tage unterwegs sind, bei einer Tagestour nicht. Wir müssen Rücksicht darauf nehmen, dass die Gruppe sehr heterogen ist. Sie setzt sich aus katholischen und evangelischen Teilnehmern als auch Konfessionslosen zusammen.

Was erzählen die Teilnehmer, wie ihnen das Pilgern bekommt?

Sie sind froh über die Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen und sich um nichts kümmern zu müssen. Sie betonen auch, wie wunderschön es ist, Teile von Brandenburg kennenzulernen.

Pilgern Sie nur in Brandenburg?

Wir bieten das ja noch nicht so lange an. Aber im letzten Jahr ist eine Gruppe in Israel gewandert. Auf dem Programm standen Wanderungen in Galiläa, nach Kana und an den See Genezareth. Nur bei 40 Grad war es am Ende einfach zu heiß.

Warum gehört zum Pilgern das Laufen? Man könnte doch genauso gut mit dem Fahrrad unterwegs sein?

Wenn man zu Fuß geht, stellt sich eine innerliche Ruhe ein. Man hat Zeit nachzudenken. Mit dem Fahrrad muss man mehr aufpassen.

 

Die nächste Wanderung der Reihe „Mit der Bibel im Gepäck – Kurzzeitpilgern auf dem Jakobsweg“ führt am 22. und 23. August von Tantow nach Casekow (Übernachtung in Groß Pinnow). Infos und Anmeldung: wandern(ät)scj.de