Das alte war kaputt, nun fährt ein neues durch Berlin: das Duschmobil für wohnungslose Frauen vom Sozialdienst katholischer Frauen. Es dient als Zuflucht für diejenigen, die einsam oder arm sind. Gleichzeitig ist es Schutzraum für Frauen, die im Alltag auf der Straße misshandelt und vergewaltigt werden. Zwei Sozialarbeiterinnen erzählen…
Für einen frühsommerlichen Vormittag weht der Wind erstaunlich kalt durch die Bäume, die den Marheinekeplatz neben der Passionskirche säumen. Lust auf eine erfrischende Dusche kommt dabei nicht wirklich auf. Dennoch steht es da – zartrosa und unscheinbar – das Duschmobil für obdachlose Frauen vom Sozialdienst katholischer Frauen. Es fällt kaum auf, neben der großen Backsteinkirche, die über den Platz wacht.
Die Tür zum Duschmobil, einem normalen Wohnmobil, öffnet sich. Heraus schaut eine Frau mit Nasenpiercing, großen Ohrringen und einer blauen Wollmütze auf dem Haar. Rebecca Aust ist Sozialarbeiterin und fährt das Duschmobil von Standort zu Standort. Über ihre Schulter lächelt ihre Kollegin, Rebecca Wagner. „Ich bin Beccy, das ist Rebecca“, stellt Rebecca – Beccy – Aust sich vor. Sie ist gerade auf der Suche nach einem Löffel für ihren Joghurt, denn: „Es wird Zeit, dass ich mal was esse“, sagt sie, nachdem sie kurz zuvor eine Besucherin verabschiedet hat. Sie fischt einen Löffel aus der Spüle, in dem zwei große Thermoskannen mit Kaffee stehen, leckt ihn ab und macht es sich in der Sitzecke am Tisch bequem. Drei Leute könnten hier gemeinsam sitzen. Vielleicht auch mehr, aber das Wohnmobil ist vollgestellt mit Kisten – Schokolade, Kekse, Duschgel, Binden, Klamotten. Direkt neben der Tür hängt ein Müllbeutel, aus dem noch eine Packung Zigaretten lugt. Hier kann nicht nur geduscht werden. Das Duschmobil ist auch Anlaufstelle für Frauen, die Gemeinschaft suchen oder dringend Dinge des alltäglichen Lebens benötigen.
Auch Wohnungslose brauchen eine Routine
2019 hatte der Sozialdienst katholischer Frauen das Angebot ins Leben gerufen. Es ist deutschlandweit das erste Duschmobil für Frauen und fährt unter dem Motto „Wasser. Würde. Wohlbefinden.“ durch Berlin. In Schöneberg, im Wedding, am Ostbahnhof, in Mitte, Pankow, Kreuzberg und Charlottenburg macht es regelmäßig Station. Immer zur selben Zeit am selben Ort. „Viele Obdachlose haben Stundenpläne, nach denen sie ihren Tag strukturieren. Sie wissen, wann sie an welcher Stelle Essen bekommen oder an welchem Ort sie um wie viel Uhr am besten Flaschen sammeln können. Fast wie ein Arbeitsalltag“, sagt Beccy Aust. Dementsprechend braucht auch das Duschmobil eine gewisse Routine. Die Frauen, die es aufsuchen, kommen zum Kaffeetrinken, fragen nach Pullovern, nach Hygieneartikeln. „Die Blasse fragt immer nach der Uhrzeit, stimmts Rebecca?“, überlegt Beccy Aust, als Rebecca Wagner in einer Kiste mit Sachspenden eine Armbanduhr entdeckt. Sie benutzen Aliasse für die Frauen, die regelmäßig kommen, sagt Beccy Aust. Nach den echten Namen der Frauen oder ihrer Geschichte fragen sie selten, denn die wollen viele nicht erzählen.
Der prasselnde Regen duscht den Wagen gerade von außen. Beccy Aust deutet mit ihrem Joghurtlöffel auf den geschlossenen Eingang des Wohnmobils. „Normalerweise steht unsere Tür offen.“ Allerdings nicht allen: Das Duschmobil ist ausschließlich für Frauen gedacht. Die beiden Sozialarbeiterinnen führen hier auch Beratungsgespräche durch und vermitteln Frauen an andere Hilfestellen weiter. Sie bekommen Besuch von geflüchteten Ukrainerinnen, die zwar in Flüchtlingsunterkünften ein Dach über dem Kopf, aber keine eigene Wohnung haben. Auch ältere Damen, die mit dem Geld aus ihrer Rente kaum den Alltag bestreiten können, schauen vorbei. Sie duschen hier eher selten, sagt Beccy Aust, sondern trinken einen Kaffee und unterhalten sich mit den Sozialarbeiterinnen. „Ich könnte mir vorstellen, dass die Seniorinnen gerne hierher kommen, weil ihre Wohnungen vielleicht genauso desorganisiert aussehen wie sie selbst.“
Schutzraum auch für Sexarbeiterinnen
Außerdem suchen Sexarbeiterinnen das Duschmobil auf. Ekelhaft, grauenhaft und furchterregend sind nur drei der Worte, mit denen Beccy Aust beschreibt, unter welchen Umständen sie leben müssen. Oft hätten sie kein Zuhause, müssten bei Freiern oder Zuhältern übernachten und seien davon abhängig, in welcher Stimmung diese Männer sind. Beccy Aust wirft Rebecca Wagner einen Blick zu – solche Geschichten begegnen ihnen in der frauenbezogenen Sozialarbeit oft. Gerade neulich hat eine Frau der Sozialarbeiterin die Narbe eines Milzrisses unter ihrem T-Shirt gezeigt. Ihr Freier hatte sie mit einem Staubsaugerrohr niedergeschlagen. „Wenn wohnungslose Männer mir sagen, dass sie sich benachteiligt fühlen, weil das Duschmobil nur für Frauen ist, dann halte ich ihnen keinen wissenschaftlichen Vortrag“, sagt Beccy Aust, „sondern ich frage sie einfach: ‚Wirst du auch auf der Straße vergewaltigt?‘“ Das sorge für einen Aha-Effekt, auch wenn ihr bewusst sei, dass auch Männer vergewaltigt werden. „Meistens von anderen Männern.“
Zum anderen, sagt Rebecca Wagner, gebe es generell weniger Platz für Frauen im öffentlichen Raum. Den wollen sie mit diesem Mobil bieten. „Ich erlebe so viel Unterdrückung durch Männer in meinem Leben, da sage ich denen, die hier reinwollen, auch mal mit Genugtuung: ‚Sorry, Junge, du bist jetzt nicht dran!‘“, sagt Beccy Aust. Es sei wichtig, klarzumachen, dass dieser Raum nur für Frauen ist – auch wenn sie Mitgefühl mit den Männern hat, die auf der Straße leben. Drei von ihnen sitzen gar nicht weit entfernt auf dem Marheinekeplatz und trinken Bier aus Dosen. Keiner von ihnen hat Anstalten gemacht, auf das Duschmobil zuzugehen. Stattdessen weht der Wind ihre Gesprächsfetzen umher. „Taylor Swift ist wirklich ein besonderes Phänomen“, sagt einer, eine vor Asche ergraute Zigarette in der Hand. „Wenn sie mal wieder im Olympiastadion singt, hole ich mir Tickets!“
Neues Mobil – alte Standorte
Von Frauen ist auf dem Platz weit und breit keine Spur. Wie erfahren sie von dem Duschmobil? „Wir posten die Standorte immer auf Instagram“, erzählt Rebecca Wagner. Vor allem aber hätten ihre Vorgängerinnen gute Arbeit geleistet: Sie seien in den Gegenden, in denen das Duschmobil parkt, umhergelaufen und hätten Frauen direkt angesprochen. Außerdem verschickten sie Newsletter an Anlaufstellen für Obdachlose. Am effektivsten sei, dass sie sichtbar sind, die Tür offensteht, und sich das Angebot per Mundpropaganda unter den Frauen verbreitet, ergänzt Beccy Aust. Dass heute nur so wenig Andrang herrscht, liegt daran, dass das Duschmobil über Monate defekt war und ein neues her musste. Dass es nun wieder eins gibt, muss sich erst rumsprechen.
Eine Anwohnerin hat jedenfalls mitbekommen, dass das Duschmobil wieder da ist. Noch bevor sie klopfen muss, erspäht Beccy Aust sie durchs Fenster, springt auf und öffnet die Tür. Die Frau hat Sachspenden gesammelt und reicht nun eine große Tüte in den Wohnwagen. Eine Kaffeekanne, ein lederner Rucksack und ein grau-schwarz karierter Schal lugen daraus hervor. „Hier bitte! Für euch!“ „Vielen Dank, schönen Tag noch!“, viel länger dauert das Gespräch nicht. Aber Beccy Aust strahlt und Rebecca Wagner macht sich direkt daran, die Sachen in Kisten zu sortieren. Im hinteren Raum des Wagens lagern sie die Spenden – dort, wo auch die Frauen duschen können. Die kleine Duschkabine mit ihrem blitzblank geputzten Metallfußboden und dem weißen Vorhang befindet sich direkt hinter der Tür zur Sitzecke. Wer hier beim Duschen singt, wird auf jeden Fall auch im Nebenraum gehört. Für Privatsphäre sorgen aber die Jalousien vor den Fenstern. Die einzigen, die beim Duschen zugucken können, sind kleine Schokoladen-Osterhasen, die sich in einer Kiste neben der Dusche tummeln.
Frauen helfen, für sich selbst einzustehen
Dass Beccy Aust und Rebecca Wagner die Männer, die auch ins Duschmobil wollen, abwimmeln, bekommen die Frauen, die das Mobil aufsuchen, mit. „Dann freuen sie sich, dass sie plötzlich mal einen Raum ganz für sich haben“, erzählt Rebecca Wagner. Und was Beccy Aust besonders bewegt: Die Frauen schicken die Männer inzwischen selbst weg, bevor die beiden Sozialarbeiterinnen überhaupt dazu kommen. „Sie lernen, für sich selbst und ihren Freiraum einzustehen.“
Nachdem alle Kisten sortiert sind und der Joghurt aufgegessen ist, klettern die beiden Frauen nach vorne ins Fahrerhäuschen. Gleich werden sie das Duschmobil durch Regen und Wind weitersteuern – zum nächsten Standort, und zu Frauen, die auf eine Dusche und einen Raum für sich warten.