Was bedeuten Heilige für mich? Welche sind mir besonders wichtig und warum eigentlich? Zur Auseinandersetzung mit Fragen wie diesen regt derzeit eine ganz spezielle Ausstellung in der Potsdamer St.-Peter-und-Paul-Kirche an.
Es ist ein ungewohntes Bild: Kirchengrundsteinleger Petrus neben Sozialismus-Theoretiker Karl Marx, die Universalgelehrte Hildegard von Bingen neben der Physikerin und Chemikerin Marie Curie, Kirchenmusik-Patronin Cäcilia neben Komponist Wolfgang Amadeus Mozart. Alle tragen Heiligenschein und ein „Sankt“ vor ihrem Namen. Was hat es damit auf sich?
Verantwortlich für diesen ganz speziellen Kanon zeichnet die Potsdamer Künstlerin Heike Isenmann mit ihrer Ausstellung „Heilige“, die noch bis zum 9. Oktober in der Potsdamer Kirche St. Peter und Paul ausgestellt sein wird.
Als Vorbild für die Zeichnungen in Postkartengröße dienten ihr christliche Andachtsbilder, die Heilige oder andere Themen aus der Bibel zeigten und den Menschen einst durch schwere Zeiten halfen. Unter dem Namen jedes ihrer Heiligen prangt ein Spruch, mit dem ihn die Künstlerin den in Verbindung bringt. 32 Bilder sind es mittlerweile geworden, die bis Oktober täglich neu zum Mitnehmen auf den Kirchenbänken ausgelegt werden.
Angst ist schlechter, Heilige sind gute Berater
In den Sinn gekommen ist der 55-Jährigen die Idee, als die ersten Corona-Maßnahmen bekanntgegeben wurden. „Einige davon schienen mir sehr von der Angst getrieben zu sein. Bloße Angst sollte aber keine Grundlage für Politik sein“, sagt sie.
Sie suchte nach Kraftquellen für sich und andere Menschen – und fand sie in den Heiligen und Schutzpatronen der Kirche. „Ich bin im evangelischen Glauben erzogen, entschied mich aber schon mit 20 Jahren, aus dieser Gemeinschaft auszutreten. Außer St. Nikolaus und St. Valentin waren Heilige mir nicht vertraut. Erst durch Eintauchen in die Materie lernte ich sie nicht nur als Märtyrer kennen, sondern auch als Schutzpatrone.“ Heilige sind für Heike Isenmann Vorbilder, an denen man sich orientieren, Stützen, an denen man sich festhalten kann.
Zunächst malte sie vor allem traditionelle katholische Heilige. Sankt Martin, die heilige Cäcilia, Sankt Antonius und viele mehr, äußerst farbenfroh und in für die Person typischer Bildsprache. So schützt der heilige Ambrosius kniend einen Bienenstock, dessen Bewohnerinnen friedlich um ihn herumschwirren.
Auf manchen Zeichnungen spiegelt sich Heike Isenmanns kritischer Blick auf kirchliches Handeln der Vergangenheit wider. Auf dem Bild des Apostels Paulus („Briefe von unterwegs“) haben zwei Engel alle Hände voll zu tun, mit einem Schwert fertigzuwerden. „Das Schwert soll symbolisieren, dass das Christentum leider auch gewaltsam verbreitet wurde, wie in Südamerika, wo viele Urvölker gewaltsam bekehrt wurden“, so Isenmann.
Abweichende Auffassung von Heiligkeit
„Mit der Zeit bemerkte ich: Auf ihre eigene Weise sind noch viel mehr Menschen für mich Heilige gewesen.“ So malte sie mit der Zeit neben den eigentlichen Heiligen immer mehr „Heilige“, die nicht zum Heiligenkanon der katholischen Kirche gehören, die nach Meinung der Künstlerin aber dennoch segensreich gewirkt haben.
Gerade nicht-weiße Menschen findet sie unter den klassischen Heiligen kaum repräsentiert. Auch deshalb verlieh sie kurzerhand Nelson Mandela den Heiligenstatus, gab ihm den Untertitel „Bildung ist Waffe“. Mit seinem bildungsorientierten Ansatz hatte Mandela in Südafrika der Apartheid den Garaus gemacht, später wurde er erster schwarzer Präsident seines Landes.
Der Naturforscher Alexander von Humboldt gehört ebenfalls zu Heike Isenmanns ganz persönlichen Heiligen. „Auf seinen Reisen erkannte er, wie empfindlich die Natur trotz ihrer Kraft ist – und dass sie nicht zu sehr aus dem Gleichgewicht gebracht werden darf. Deshalb rufen wir ihn und seine Warnungen zum Umweltschutz gegenwärtig immer wieder in Erinnerung“, so Isenmann. „Und es gibt noch viel mehr Leute, die wir heute anrufen, die wir als Vorbild nehmen.“
Kontroverse-Risiko als Chance wahrnehmen
Der gebürtigen Potsdamerin ist bewusst, dass ihre Kunstwerke über Heilige und „Heilige“ von Christen, besonders Katholiken, auch kontrovers begutachtet werden könnte. „Natürlich ist dieser Ansatz auch ein bisschen dreist. Ich möchte aber weder die katholischen Heiligen entwerten noch Gläubige kränken oder provozieren. Mir geht es darum, Grenzen und Schubladendenken zu hinterfragen – zum Beispiel zwischen Konfessionen, Religionen oder Völkern“, sagt Heike Isenmann. In ihrem erweiterten Heiligenkanon tummeln sich daher Persönlichkeiten aller Welt, sämtlicher Glaubensrichtungen.
„Ich finde es toll, dass die katholische Kirche in Potsdam so offen ist und sich traut, zum Beispiel einen St. Bertolt Brecht bei sich auszustellen.“ Es habe zwar auch Widerspruch gegeben, etwa bei der Ausstellungseröffnung, als eine Frau ihrem Unmut darüber Luft machte, dass der Heiligenkreis im Rahmen der Ausstellung einfach so erweitert worden ist. „Das kann ich absolut verstehen“, sagt die Künstlerin. Zugleich freut sie sich über viele positive Rückmeldungen in dem Gästebuch, in das sich Besucher eintragen können.
Peter Rogge, Grafiker und Gemeindemitglied von St. Peter und Paul Potsdam, war auf Heike Isenmanns Bilder aufmerksam geworden, hatte die Idee mit der Ausstellung in der Kirche. „Mir ergeben sich viele spannende Fragen bei der Auseinandersetzung mit den Bildern: Wer gehört eigentlich alles in meinen Heiligenkanon? Wen verehre ich wirklich? Was für Heilige verehrt die Kirche samt den mitunter skurrilen Legenden?“, so Rogge.
Am 4. September, dem Bistumstag, der diesmal anlässlich des 300-jährigen Gemeindebestehens von St. Peter und Paul in Potsdam stattfinden wird, wird die Künstlerin anwesend sein. „Ich biete einen kleinen Workshop an, in dem Besucher selbst Taschen-Heilige zum Mitnehmen stempeln und oder sogar eigene gestalten können.“ Sie freue sich auf viele anregende Gespräche – über Heilige und „Heilige“.