Pfarrer Michael Höhle aus der Pfarrei Heilige Familie in Prenzlauer Berg bietet ökumenische Exerzitien im Alltag an – mit täglichen E-Mail-Impulsen und wöchentlichen Telefonkonferenzen.
„Geht das überhaupt in dieser Pandemie – ein Glaubensweg? Gemeinsame Fastenzeit-Exerzitien im Alltag?“ Diese Fragen beantwortet Pfarrer Michael Höhle aus der Pfarrei Heilige Familie Prenzlauer Berg mit dem Angebot ökumenischer Online-Exerzitien. Vier Wochen lang erhalten Teilnehmende jeden Tag per E-Mail Impulse zur Sammlung, zur Besinnung und zum Tagesrückblick als „Ritual auf der Bettkante“. Die Impulse sind dem Propheten Jesaja entnommen. In 16 Kapiteln (ab Jesaja 40) geht es um Trost für das Volk Israel. Nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem musste es ein halbes Jahrhundert im babylonischen Exil leben. In dieser Situation tritt der Prophet auf und verkündigt im Namen Gottes „Tröstet, tröstet mein Volk!“
„Trost ist auch ein Thema in unserer Zeit“, sagt Pfarrer Höhle. Die Online-Exerzitien stehen daher unter dem Motto „Ganz bei Trost“. So gelten die Trostworte am Ende des Trostbuches auch heutigen Menschen. „Gottes Wort hat Kraft auch für unser Leben.“ Dafür Raum zu geben und sein Wort wirken zu lassen, das ist das Ziel der geistlichen Übungen.
In der ersten Woche galten die Betrachtung folgenden Schwerpunkten: Tröstung, Befreiung, Einzeichnung, Stärkung, Erinnerung, Erlösung. Die zweite Woche galt den Aspekten gerufen, gerettet, geherzt, geliebt, unvergessen und geborgen. Die dritte Woche widmet sich dem Gott, der ganz anders ist: der Marktschreier, der Großzügige, der Allerverachtetste, der Träger, der Verwundete, der Rufer. Die letzte Woche kreist um die Begriffe aufmerken, heimkehren, lieben, gehorchen, erwachen und wachsen.
„Gott verlangt keine Hygienemaßnahmen“
Freitagabends gibt es Gelegenheit, sich in Kleingruppen auszutauschen. Diese 30-Minuten-Treffen beginnen stets mit einem kurzen Gebet; dann folgt ein Austausch der Teilnehmenden über die Erfahrungen mit den täglichen Impulsen. Vielfach waren es bisher Zitate, die Trost spendeten. So ein Wort von Helmut Gollwitzer: „Das Gebet ist die Tür aus dem Gefängnis meiner Sorge.“ Michael Putschli aus der Gemeinde Heilige Familie hat – wie die meisten – schon mehrmals an Gemeindeexerzitien teilgenommen. Der Schauspieler erlebte das erste Treffen der Online-Exerzitien als gute Notlösung, aber nicht als wirklichen Ersatz. „Theater funktioniert nicht online. Kein Medium kann das unmittelbare Erlebnis ersetzen.“ Die sich versammelnden Zuschauer, den Zauber, wenn der Saal sich verdunkelt und der Vorhang sich öffnet. „Man muss da gewesen sein, um sich berühren zu lassen. Alles geschieht jetzt, auch die Panne. Und das Erlebnis ist kollektiv.“ Mit den Liturgien, Andachten und Ritualen sieht Putschli es genauso. „Man muss dabei sein, die Zeichen, Gesänge und Gebete in Gemeinschaft erfahren, um sich mittragen zu lassen.“ Er leidet wie viele ältere und kranke Menschen unter den Einschränkungen.
Die gute Nachricht für Putschli: Gott verlangt keine Hygienemaßnahmen. Ich kann ihm begegnen ohne Maske, sogar mit schmutzigen Händen, bis in die Quarantäne. „Er verlangt nur, dass ich da bin. Das muss ich üben, immer wieder, und die Erfahrung der anderen hilft mir dabei. Es ist nicht das Gleiche, das Gespräch am Telefon und das Gespräch von Auge zu Auge, aber es geht und es ist gut.“