Die schriftliche Überlieferung einer Pfarrei bezeugt den Glauben vergangener Christengenerationen. Seit mehr als zwei Jahrzehnten hüten und erschließen Manfred Gläser und Michael Kindler das Archiv der Potsdamer Propsteipfarrei.
Am Anfang der Erfolgsgeschichte der ehrenamtlichen Archivare standen Berge von Aufzeichnungen und Akten. Ende der neunziger Jahre übertrug Pfarrer Gert Adler die Betreuung des Pfarrarchivs an Michael Kindler. Vom Fach war der Kartographieingenieur nicht, dafür aber mit Herz und eigener Lebensgeschichte der Pfarrei verbunden. Die Schätze kirchlicher Geschichte einer der ältesten Pfarreien des Erzbistums Berlin sollten nicht nur bewahrt und geordnet, sondern möglichst auch für heutige Gläubige zugänglich gemacht werden.
Aus einem Heft wird eine ganze Reihe
Mit Manfred Gläser fand sich ein kongenialer Mitstreiter. Der habilitierte Physiker, damals Vorsitzender des Pfarrgemeinderates, brachte den Gedanken einer Publikation ein. Ein erstes Heft stellte die Pfarrei vor und war als Einführung für die vielen zugezogenen Katholiken gedacht. Einer überarbeiteten Zweitausgabe folgte mit der 150-jährigen Geschichte der Potsdamer Vinzenzkonferenz die erste Darstellung eines Einzelaspekts.
Seither hat die Reihe der „gelben Hefte“ eine erstaunliche Entwicklung genommen. Dabei stellen sich die beiden Archivare keineswegs in den Vordergrund. Verschiedene Autoren wurden eingebunden und mit Zuarbeiten aus dem Archiv unterstützt.
Bestandslücken und neu aufkommende Fragen forderten umfangreiche Recherchen und die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen. Mit der Zeit entwickelten sich verlässliche Kontakte zum Potsdam-Museum, zum Diözesanarchiv, zum Zentrum für Militärgeschichte und zuständigen Stellen der Stadt wie des Landes Brandenburg.
In bisher 23 Heften ließen Kindler und Gläser Zeitzeugen und Fachleute zu Wort kommen, forschten selbst und übernahmen die umfangreiche Redaktionsund Korrekturarbeit. Mit Peter Illing, der als Dritter im Bunde vor allem für die graphische Umsetzung sorgt, arbeiten die beiden ständig an neuen Projekten. Neben der Geschichte der Potsdamer Krankenpflege, Heften über die Kunstschätze der Pfarrei und das Gemeindeleben in zwei Diktaturen geht der Blick immer auch über den eigenen Tellerrand hinaus. Einzeldarstellungen beschäftigten sich mit Nachbargemeinden, die inzwischen mit der Propstei fusioniert sind und mit der Kirchenlandschaft der Landeshauptstadt.
Bundesweite Kooperationen
Die vorletzte Veröffentlichung schlug eine Brücke zur bundesweiten Zeitgeschichtsforschung. Prälat Helmut Moll aus dem Erzbistum Köln war der Autor eines hundertseitigen Werkes über „Mit Potsdam verbundene Glaubenszeugen der NS-Zeit“. Gewissermaßen als Regionalausgabe zum Deutschen Martyrologium des 20. Jahrhunderts, das der Prälat im Auftrag der Bischofskonferenz herausgibt, bietet das Heft Portraits von elf Priestern und Laien, die für ihren Glauben gestorben sind und durch ihre Tätigkeit, ihr Leben oder die Haft mit Potsdam in Verbindung stehen. Zu ihnen gehört der im KZ Sachsenhausen umgekommene Potsdamer Reichsarchivrat Karl Heinrich Schäfer, dessen Nachlass sich zum Teil im Pfarrarchiv befindet.
Das neueste Projekt stellt eine Kooperation mit „Kulturland Brandenburg“ dar. Pünktlich zum 14. April, dem 75. Jahrestag des schwersten Bombenangriffs auf Potsdam, stellten Gläser und Kindler die vor allem auf den Aufzeichnungen des Küsters August Burda beruhende Darstellung der „Potsdamer Bombennacht“ vor. Die Kulturinitiative von Land und Landeshauptstadt hat das Projekt in ihr Jahresprogramm „Krieg und Frieden. 1945 und die Folgen in Brandenburg“ aufgenommen und den Druck finanziert.
„Wir suchen dringend Nachfolger“, erklärt Manfred Gläser, während er mit Michael Kindler die Korrespondenz für die nächsten Veröffentlichungen bespricht. 150 Jahre Weihe der Propsteikirche stehen im Sommer an und in zwei Jahren wird die Gemeinde 300 Jahre alt. Themen gibt es auch darüber hinaus noch viele, die die beiden gern zuverlässigen jüngeren Händen anvertrauen wollen.