Fastenzeit im Kloster

Fastenkursteilnehmer mit Schwester Magdalena beim „Teetratsch“. Foto: Andrea von Fournier

Seit einem Jahr laden die Alexanderdorfer Benediktinerinnen zuFastenkursen ein. Christen und Konfessionslose nutzen gern die Möglichkeit, in klösterlicher Atmosphäre gemeinsam auf Nahrung zu verzichten.

„Der vierte Tag ohne feste Nahrung“, sagt Heiko mit Nachdruck und setzt sich zur Tischrunde. „Der fünfte!“, erwidert jemand neben ihm, manche zählen jetzt nach, andere nicken. Es ist Samstag, Zeit für den „Teetratsch“ im Gästehaus des Klosters Alexanderdorf. In Anlehnung an den „Kaffeeklatsch“ treffen sich Teilnehmer des Fastenkurses mit ihrer Leiterin, Schwester Magdalena Böhm. Von elf Angemeldeten sind acht dabei.

Die Benediktinerin, seit elf Jahren in Alexanderdorf, begleitet seit 2022 Interessierte durch eine Fastenwoche. Die gebürtige Dresdnerin, gelernte Sozialarbeiterin und Gemeindereferentin, 44 Jahre alt, fastet seit ihrem 17. Lebensjahr. Nicht mit den Kursteilnehmern gemeinsam, das würde über ihre Kräfte gehen. Bei der Ideensuche, was das Kloster neben Bewährtem neu für Außenstehende anbieten könnte, kam Äbtissin Bernadette Pruß 2021 auf das Fasten. Und auf Schwester Magdalena als mögliche Akteurin.

„Ich habe in der Küche den Hut auf. Für Fastende muss naturgemäß nicht viel gekocht werden, so dass ich Zeit hätte. Und ich hatte Erfahrungen – so bot es sich an“, erklärt die Schwester. Sie besuchte fünf Kursmodule der Deutschen Fastenakademie und bestand die fastenärztliche Prüfung Anfang 2022. Die Konzepte für ihre Kurse erarbeitet sie selbst.

Letztes Jahr starteten die ersten zwei Termine, die deutlich zeigten, dass Nachfrage besteht und die Verbindung „Kloster-Stille- Fasten“ eine willkommene ist. Schwester Magdalena bereitet die Kursteilnehmer vor der Fahrt nach Alexanderdorf vor: Zunehmender Verzicht auf Koffein und Fleisch gehören dazu. Auch Medikamenteneinnahme wird in einem Fragebogen abgeklärt: „Bei manchen Medikamenten kommt nur Heilfasten mit ärztlicher Begleitung infrage, das bieten wir nicht an“, sagt sie.

Sport, Ruhe, Austausch und meditative Phasen

Für 2023 hat das Kloster vier Fastenkurs- Termine ausgeschrieben. Gerade lief der erste. Auch die anderen sind fast bis ganz ausgebucht und Schwester Magdalena freut sich besonders, dass sie im Herbst die ersten Teilnehmer wiedertreffen wird, die 2022 hier waren. Das kann nur bedeuten, dass das Angebot bestens aufgenommen wurde. „Es ist nicht für jeden verständlich, dass Mancher bereit ist, fürs Nicht-Essen viel Geld zu bezahlen“, sagt sie und schmunzelt.

Natürlich müssen Übernachtung und andere Kosten finanziert werden, auch die „Flüssignahrung“. Das sind hier Wasser und Tee, mittags eine Brühe und abends ein frisch gepresster Saft. Und da Fastende ein besonderes Wärmebedürfnis haben, wird mehr als üblich geheizt und warm geduscht. Das Kloster musste die Kosten geringfügig erhöhen, man sei jedoch vergleichsweise preiswert.

Die meisten Teilnehmenden an den Kursen sind konfessionslos. Gesundheitliche Gründe führen die Menschen hierher, körperliche wie seelische. Überwiegend sind es Frauen, die im Kloster Ruhe und Abgeschiedenheit suchen. Aber auch den Kontakt zu Gleichgesinnten und den Austausch. Beim Fasten wird in Alexanderdorf nicht beständig geschwiegen.

Die Kursleiterin wechselt Angebote sportlicher Betätigung, meist an frischer Luft, mit Ruhe, Austausch oder meditativen Phasen. Die Teilnehmer können Bibelstellen kennenlernen und darüber sprechen, Gebetszeiten der Schwestern besuchen. Und sie bekommen Zeit zur eigenen inneren Einkehr. Im ersten Kurs fasten neun Frauen. Ein Gast ist nicht mehr berufstätig, alle anderen haben Urlaub genommen. Von Ende 30 bis Anfang 70 reicht die Altersspanne.

Gestärkt in den Alltag zurückkehren

Viele Frauen sind zu Hause noch in der Mutterrolle und sehen sich hier in einer „Luxussituation“: Sie haben Zeit ganz für sich allein. Morgens nicht „losfunktionieren“, sondern an Barfußweg, Sport und Spaziergang denken, ist für viele eine neue, angenehme Erfahrung. Elke, Julia und Christiane sind „Erstfastende“. Wie Sandra, die lacht und sagt „Ich lebe noch!“.

Mancher hat es zu Haus schon probiert, weiß, wie schwer Fasten ist. In der Gruppe funktioniert manches viel besser, leichter, auch wenn jeder sein Päckchen trägt. „Gerade zu Anfang braucht man das Feedback der anderen. Man muss sich ablenken“, sagt Heiko. Ihm ist aufgefallen, dass seine Haut schön weich geworden ist. „Man fühlt sich rundum gut“, bestätigt Elke. Alle sind sich einig, dass Geruchs- und Geschmacksnerven sensibler wahrnehmen. „In der Brühe sind winzige Gemüsestückchen, die schmecken wir genau raus“, sagt Klaus. Obwohl die so klein seien, dass man sie intensiv mit den Schneidezähnen kaut – genießt. Das Highlight ist der frische Saft abends – „slow“ gepresst, sagt Schwester Magdalena, da wäre der Geschmack noch besser. Die ganze Gruppe hat viel Freude anund miteinander. Daran hat die Ordensfrau großen Anteil. Eine Teilnehmerin war vorher einmal hier, als ein Berliner Verein sich eingemietet hatte und das Fasten anbot. Das Klosterrefugium gefiel ihr so sehr, dass sie nun zu Schwester Magdalenas Kurs gekommen ist.

„Jetzt ist die Atmosphäre noch besser und ich habe viel mehr Spaß“, sagt sie. Alle duzen sich und alle ziehen die Woche gemeinsam durch. Der Mundgeruch, der sich einstellt, wenn der Magen leer ist, die „pelzigen“ Zähne, die durch Nichtgebrauch entstehen und denen man auch mit mehrmaligem täglichen Putzen kaum beikommt, stemmen sie gemeinsam. Um zum gemeinsamen Ziel zu kommen: Sich wohler, gesunder zu fühlen. Ausgeruht an Körper und Seele in den Alltag zu starten, einen starken Sieg errungen zu haben. „Die Haare wachsen vom Fasten nicht wieder“, scherzt Heiko, fährt sich über den Kopf und alle lachen. Doch die Zeit im Kloster als bewusste Auszeit zwischen dem beendeten Job und Neuem zu wählen war eine gute Entscheidung, sagt der aus Bayern Angereiste. Abends beim Abwasch resümieren die Fastenden den Tag und lassen ihn zufrieden ausklingen.