„Hallo, hört uns zu“: Unter diesem Motto hatten katholische Jugendliche aus Berlin Kirchenvertreter und Politiker zum Gespräch über ihre Vorstellungen vom Leben und über ihre Wünsche und Sorgen eingeladen.
„Wahrscheinlich bin ich der Jüngste hier“, sagt Pater Manfred Kollig zu Beginn. Alles stutzt. Nach einer wohlgesetzten Pause fährt er fort: „Was meine Zeit in Berlin anbelangt.“ Alles lacht. Der neue Generalvikar des Erzbistums verschafft sich so gleich einen guten Einstieg bei den vorrangig katholischen jungen Menschen, die sich im Kinder- und Jugendzentrum Steinhaus der Caritas im Berliner Osten zusammengefunden haben, um mit Vertretern aus Politik, Kirche und Gesellschaft über ihre Vorstellungen
vom Leben, ihre Wünsche und Sorgen zu sprechen.
Dafür haben sie sich vier Prominente eingeladen: neben Kollig die Jugend und Bildungssenatorin Sandra Scheeres, die Direktorin der Caritas im Erzbistum Berlin, Ulrike Kostka und den mit 26 Jahren ihnen altersmäßig am nächsten stehenden Rapper Drob Dynamic. Am Josefstag haben sie sich getroffen, der für gewöhnlich auf die katholische Jugendsozialarbeit und Jugendberufshilfe aufmerksam macht. Darum soll es heute weniger gehen.
Darauf weist schon der jugendlich-saloppe Titel der Veranstaltung „Hallo, hört uns zu!“ hin. Auch die Art des Treffens entspricht der Vorstellung der Jugendlichen. Vier Stationen mit Stichworten zu den Themen Familie, Schule, Freizeit, Werte / Religion / Kirche haben sie vorbereitet, über die sie mit jeweils einem der geladenen Prominenten ins Gespräch kommen wollen.
Familie, Schule, Freizeit, Werte / Religion / Kirche
Kolligs Gruppe ist klein: Die zwei Jungen, Lucas und Martin, sind Schulsprecher an der Neuköllner
Schule St. Marien, das Mädchen Jiska geht aufs Canisiuskolleg. Der Austausch ist angeregt und intensiv. Kollig erweist sich nicht nur als humorvoll, er kann auch gut zuhören.
Seine Entgegnungen sind vielleicht ein wenig zu diplomatisch – was an seiner Stellung als Stellvertreter des Bischofs liegen mag –, aber sie sagen seinen jungen Gesprächspartnern durchaus zu. Etwa wenn er auf die Frage nach dem Umgang mit nichttraditionellen Familienformen und homosexuellen Paaren entgegnet: „Für mich ist es am wichtigsten, dass die zwei sich einig darüber werden, was für sie das Beste ist, dass die Beziehung gut ist und nicht einer Macht über den anderen gewinnt. Das kann ich nicht über Normen regeln.“
Und ergänzend erklärt er, warum es einen Unterschied zwischen einer homosexuellen Partnerschaft und der Ehe gibt und worin er besteht. Diese Mischung aus menschlicher Offenheit und klarer Haltung kommt an. Kollig wiederum freut sich zu hören, dass die Jugendlichen sowohl im Freizeitbereich als auch in der Wertevermittlung gute Erfahrungen mit ihrer Kirche gemacht haben. Wie Martin sagt, hätten sie Toleranz
mit anderen auf der Grundlage der eigenen Position gelernt.
„Die Kirche darf kein geschlossener Club sein“, bestätigt Kollig, was wiederum auf Zustimmung stößt. Scherzhaft sagt er deshalb: „Wir kommen ja hier gar nicht zu einer kontroversen Debatte.“ Das tut dem Austausch keinen Abbruch. Am Ende sagt Jiska in Kolligs Gruppe: „Ich fand’s gut“. Auch die geladenen Prominenten sind angetan vom Format der Veranstaltung.
Toleranz und Respekt anderen gegenüber
Auf die Abschlussfrage, was sie am kommenden Montag in Auswertung des Treffens tun, landet
Rapper Drob Dynamic einen Lacher, als er mit Hinweis auf seine Bachelorarbeit als Sozialarbeiter zum Thema Jugendszene die Gespräche an diesem Nachmittag lobt: „Wenn ich eine Eins bekomme, seid ihr schuld.“ Pater Manfred Kollig antwortet noch einmal programmatisch-diplomatisch, den Montag beiseite
lassend: „Religion muss sich daran messen lassen, wie sie zur Klärung der eigenen Position beiträgt,
um Toleranz und Respekt anderen gegenüber zu ermöglichen“.
Für den seit Februar in Berlin tätigen Generalvikar war dieser Nachmittag die erste Begegnung mit Jugendlichen am neuen Wirkungsort. Sie ist gut gelaufen, und es ist denkbar, dass die jungen Menschen sich nicht scheuen würden, ihre Anliegen auch zukünftig mit ihm zu besprechen.