Im Gesicht des Gegenüber lesen

Ein Klinikseelsorger mit Schutzkittel, Atemschutzmaske und Gummihandschuhen und einer Stola spricht mit einem Patienten. Foto: kna/Harald Oppitz

Pater Markus Mönch von den Herz-Jesu-Priestern in Berlin-Prenzlauer Berg ist seit drei Jahren Seelsorger am Klinikum Friedrichshain. Er spricht über Seelsorge in Zeiten von Corona, über das, was ihm die Kraft für seinen Dienst gibt und über die Herausforderung des Schweigens.

Sie haben schon mehrfach Coronapatienten betreut. Was war für Sie als Krankenhausseelsorger neu?

Die eigene Befangenheit, mit einer Krankheit konfrontiert zu werden, die für mich selbst bedrohlich werden könnte. Natürlich bin ich mit Mundschutz und Schutzkleidung ausgestattet, aber ein Restrisiko bleibt. Ich habe zwar zuvor schon Menschen mit anderen Krankheiten auf der Isolierstation erlebt, aber meistens durften sie zumindest von ihren Angehörigen besucht werden. Bei den Covid-19-Patienten ist alles viel strenger. Es herrscht auch eine andere Stimmung.

Inwiefern?

Auf der Station schwingen viele Ängste mit. Die Patienten bewegen Fragen: Was passiert mit mir? Wie bedrohlich ist das Ganze?

Spüren Sie die Angst persönlich auch?

Ja.

Wie begegnen Sie ihr?

Sobald ich mich umziehe und in den Isolierbereich gehe, kann ich sie ausblenden. Dann bin ich für die Menschen da. Wenn ich das Klinikgebäude verlasse, dann kommt die Angst wieder. Woraus schöpfen Sie Kraft für Ihren Dienst? Aus der Liebe zu meinem Beruf und daraus, dass ich Christ bin. So eine Arbeit ohne meine eigene Spiritualität wäre sehr schwierig. Die Nähe zu Gott ist für mich eine große Hilfe.

Sind die Patienten, mit denen Sie es zu tun haben, alle gläubig?

Nein. Bisher hatte ich noch keinen Covid-19-Patienten, der gläubig war.

Haben Sie dann das Gefühl, ins Leere zu reden?

Nein. Es ist nicht mein Ziel, als erstes über Gott zu reden, sondern den Menschen mit seinen Nöten und Ängsten ernst zu nehmen. Mein Leitbild ist Jesus, der den Gebrechlichen am Wegrand sieht. Er fragt ihn nicht als erstes: Glaubst du? Auch für mich ist Glaube des anderen keine Bedingung für mein Handeln.

Könnte auch jemand anderes Ihre Tätigkeit ausführen?

Mit Sicherheit. Aber es sind zu wenige da, die es machen. Die Patienten leiden unter dem derzeitigen Besuchsverbot, selbst wenn sie es nicht zugeben. Das Pflegepersonal hat mal eine Minute Zeit für ein Gespräch mit ihnen. Das ist aber auch alles. Ich habe die Zeit, einfach mal zu fragen: Wie geht es Ihnen?

Hadern die Corona-Patienten besonders mit ihrem Schicksal?

Besonders würde ich nicht sagen. Sie bekommen mit, wenn nebenan jemand auf die Intensivstation verlegt wurde und fragen: „Ob der wohl wiederkommt?“ Sie merken auch stärker die Isolation. Denn selbst telefonisch werden sie gemieden, weil in der Gesellschaft niemand etwas mit Corona zu tun haben will.

Fördert die Isolation die Nähe zu Gott?

Nicht unbedingt, aber sie kann Fragen nach dem Leben und der Nähe zu Gott aufwerfen.
Schildern Sie bitte das Schicksal eines Corona-Patienten.
Es gab einen, der war nur knapp an der Beatmung vorbeigeschrammt und suchte das Gespräch.

Was hat ihn bewegt?

Sein Bettnachbar ist in der Nacht an Corona gestorben und das hat ihn fertig gemacht.

Wie ist er mit dessen Tod umgegangen?

Er hat große Angst bekommen. Er fragte sich: Wie lange lebe ich noch? Wird es mir auch so ergehen wie meinem Bettnachbarn?

Wie konnten Sie ihm Zuversicht geben?

Ich kann in solchen Fällen nur helfen, dass sie entstehen kann.

Wie funktioniert das?

Einfach nur da sein und zuhören. Das hört sich platt an, aber das ist das Beste, was man in einer solchen Situation leisten kann. Ich versuche, das Gefühl zu vermitteln: Du bist nicht allein, ich bin da, ich habe Zeit. Ich möchte die Perspektive des Menschen weiten. Eine neue Perspektive kann auch zu einer neuen Hoffnung führen. Eine Patientin sagte mir: „Ich kann zwar mit anderen Menschen reden, aber die hören mir nicht zu. Die haben selbst so viele Fragen.“ Ich höre einfach zu und manchmal muss ich ein langes Schweigen aushalten.

Oh je...

Ja, es ist wichtig, zu merken, jetzt ist Schweigen angesagt. Man darf den anderen nicht bedrängen, wann es weitergehen soll.

Wie überbrücken Sie das Schweigen?

Das Gesicht sagt viel darüber, was im Menschen vorgeht. Mir wandern tausend Gedanken durch den Kopf. Dennoch versuche ich mich zurückzunehmen. Der Patient entscheidet, wann und wie er fortfahren will.

In welcher Verfassung müssen Sie sein, um Ihren Dienst zu tun?

Ich muss geistig fit sein und den Kopf frei haben.

Sie haben auch nach der Genesung noch Kontakt zu den Menschen?

Ja, manchmal auch länger. Dabei erlebe ich, dass mir Menschen wegen meiner Arbeit mit größerer Distanz begegnen.

Weil sie Ihre Aufgabe mit dem Tod verbinden?

So ist es. Es gibt Patienten, die abwinken, wenn sie mich sehen: Mir gehts gut! Ich betone dann: Ich bin nicht da, weil Sie gesund sind, sondern weil ich Ihnen zuhören möchte.

Wie machen Sie sich jeden Tag aufs Neue stark fürs Leben?

Mich trägt mein klösterlicher Rahmen, die morgendliche Laudes, das Mittagessen mit meinen Mitbrüdern, die Gottesdienste, die Vesper. Die Glaubensgemeinschaft prägt mich stark. Natürlich gibt es da auch Konflikte, die dann ausgetragen und ausgehalten werden müssen.

Bringt Sie Corona in Ihrer Arbeit weiter?

Ich glaube, dass mich jedes existenzielle Gespräch weiterbringt. Ich erlebe derzeit im Krankenhaus ein anderes Miteinander auf den Stationen. Es gibt einen intensiveren Zugang zu den Pflegern. Das verändert meine Arbeit. Die Wertschätzung, die mir entgegengebracht wird, weil ich trotzdem komme, freut mich.

Ein anderes Miteianander auf den Stationen, weil alle eine Schicksalsgemeinschaft sind?

Schicksalsgemeinschaft finde ich etwas zu hoch gegriffen. Es sind zwar weniger Patienten da, es ist aber dennoch eine besondere Stresssituation. Wenn ich heute frage: Braucht jemand ein persönliches Gespräch? Dann lachen die Mitarbeiter und antworten: Ich könnte auch eins gebrauchen.

Ging Ihr Dienst vor Corona eher unter?

Er wurde von manchen nicht so wahrgenommen.