Jüdisch-christlicher Austausch – jetzt erst recht?

Tobias Barniske (Mitte) von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Potsdam zusammen mit Kantor Yoed Sorek (links) Schwester Johanna (rechts) beim jüdisch-christlichen Gespräch im Benediktinerinnenkloster Alexanderdorf. Foto: Hesse

Die jüdisch-christliche Zusammenarbeit hat im Erzbistum Berlin stabile Wurzeln – und zeigt zugleich neue Lebendigkeit. Bei Gesprächen im Kloster Alexanderdorf klammern die Teilnehmer auch schwierige Fragen nicht aus.

„Die Psalmen des Alten Testaments sind das gemeinsame Gut von Juden und Christen“, sagt die Benediktinerin Schwester Johanna. Im Kloster Alexanderdorf bilden sie einen zentralen Bestandteil des Stundengebets. Vor rund 20 Jahren begegnete Schwester Johanna dem jüdischen Ehepaar Hella und Boris Schapiro. Gemeinsam lasen sie die Psalmen in ihrer ursprünglichen Sprache, auf Hebräisch.

Daraus sind jüdisch-christliche Gespräche entstanden, die seitdem jährlich unter der Leitung der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) im Kloster südlich von Berlin stattfinden. In diesem Jahr war das Thema: Lobpreis in der jüdischen und christlichen Liturgie – jeweils mit einem Impuls aus jüdischer und aus christlicher Perspektive.

Auch schwierige Fragen werden dabei nicht ausgeklammert. So fragte eine Teilnehmerin bewegt: „Warum werden Christen gerade in Israel bespuckt?“ Sie verweist auf die Erfahrungen des Abts Nikodemus Schnabel und auf den Angriff eines jüdischen Extremisten auf eine Ordensschwester Anfang Mai in Jerusalem.

Der Kantor Yoed Sorek, der am liberalen Abraham- Geiger-Kolleg in Potsdam unterrichtet, reagiert darauf mit einer differenzierten Einordnung: „Die Menschen in Israel stehen seit fast drei Jahren unter dem Druck des Krieges. Überall auf der Welt – auch in Israel sowie in Deutschland – verbreitet sich eine Krankheit des Hasses.“ Diese Entwicklung, diese Krankheit, sei nicht zu rechtfertigen, müsse jedoch mit Empathie geheilt werden, so Sorek. Er spricht über seine engsten Verwandten, die in Israel unter den psychischen Folgen des Krieges, Traumata und Verzweiflung leiden.

Übergriffe gegen das Christentum würden in Israel von Gesellschaft und staatlichen Stellen verurteilt. Der IDF-Soldat, der im April ein Kruzifix im Libanon zerstörte, sei umgehend suspendiert worden. Die IDF (Israel Defense Forces) sind die israelischen Verteidigungsstreitkräfte.

Die Gewalttaten seien Einzelfälle, die in Israel klar benannt und geahndet würden, bestätigt der katholische Theologe Wolf-Martin Rost. Gemeinsam mit seiner Frau baut er einen neuen jüdischchristlichen Gesprächskreis in Berlin-Lichtenrade auf. Er heißt: „Judentum und Christentum – eine Wurzel, zwei Wege, eine Verheißung“ und soll monatlich stattfinden.

Rost betont seine Unterstützung von Israel als Staat mit ausgeprägter Religionsfreiheit, die nicht nur “auf dem Papier” existiere, sondern auch im Alltag spürbar sei. Es sei seine Berufung, gegen jede Form von Antijudaismus, Antisemitismus und Israelhass einzutreten. Wegen Defiziten im Wissen über jüdische Geschichte und Gegenwart in Teilen von Politik und Medien sei eine vertiefte Auseinandersetzung heute dringlicher denn je.

Was den christlichen Antisemitismus aus dem Mittelalter betrifft, sagt Schwester Johanna, dass die Erklärung Nostra Aetate 1965 die Verbundenheit von Christentum und Judentum klar herausgestellt habe. Aktuelle Spannungen entstünden häufig aufgrund politischer Motive – auch im Kontext islamistischer Gruppen. Bildungsarbeit sei entscheidend, um „friedensfähig“ zu werden – auch wenn eine Armee zur Selbstverteidigung notwendig bleibe. Es sei eine ständige Gratwanderung, da Jesus keine Waffe in die Hand nahm.