Kampf der Worte

Pater Benno Rehländer und Pfarrerin Marita Lersner treten auch privat gern spielerisch gegeneinander an. Bei aller Freundschaft: gewinnen wollen sie beide. Foto: Luise Binder

Ein ungewöhnlicher Wettstreit: Beim Predigt-Battle geht es den Geistlichen nicht ums Gewinnen allein, sondern darum, die Zuhörer zu begeistern. Mit unerwarteten Themen und direktem Feedback wird der Gottesdienst so zum unterhaltsamen Experiment.

In der St. Michaelskirche versammeln sich die Gläubigen allmählich. Das Hauptschiff ist schließlich voll besetzt, weitere Besucher finden in einem Seitenschiff Platz. Eine junge Frau äußert draußen ihre Meinung, dass sie die Kirche nicht besonders ansprechend finde und eher als Veranstaltungsraum sehe. Dieser Eindruck passt jedoch gut zum heutigen Abend, an dem ein Predigt- Battle stattfindet. Das Konzept des Battles stammt aus der Musik, bei dem zwei Musiker versuchen, sich gegenseitig zu übertreffen. Pfarrerin Marita Lersner (51) wurde von einem Klavierkonzert inspiriert: „Ich fand das so unterhaltsam und gleichzeitig war es wirklich ein hochkarätiges Konzert“, sagt sie. Vor acht Jahren testete sie mit einem Kollegen, ob dieses Konzept auch für Predigten funktioniert. Nun forderte sie ihr katholischer Kollege und Freund Pater Benno Rehländer (45) heraus. Dieser betont, dass der spielerische Wettstreit auf gegenseitiger Wertschätzung basiere. „Gleichzeitig wollen wir beide gewinnen und wir wollen auch beide zeigen, dass das Wort Gottes in unserer jeweiligen Kirche einen wichtigen Stellenwert hat und gut zu den Menschen und im Scherz kommt.“

Ein jazziges Saxophon erklingt und begleitet die Zuhörer durch den Abend des Predigt-Battles. Der Jingle erinnert an eine fröhliche Spielshow. Die beiden Kontrahenten predigen dreimal gegeneinander. Die erste Runde haben sie vorbereitet, danach bestimmt das Publikum das Thema. Eine schnelle Runde Schnick-Schnack-Schnuck entscheidet, dass Pfarrerin Lersner beginnt. Thema für Runde eins ist die Tageslosung: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt“ (1. Petrus 3,15). Lersner findet Hoffnung trotz wenig feministischer Worte von Petrus im Vortext. Benediktiner-Pater Benno predigt im Poetry-Slam-Stil über seine Hoffnung und überzeugt das Publikum.

Was wäre, wenn die Gemeinde das Thema der Predigt mitbestimmen könnte? Sie würden womöglich wählen, was ihnen auf dem Herzen liegt, wozu sie gerade einen geistlichen Impuls brauchen. Beim Predigt-Battle fällt die Wahl auf das Thema Klimawandel. Pater Benno predigt über eine Arche-Noah-Metapher. Was, wenn wir bereits am Ende der Sintflut sind und beim Verlassen der Arche viel Neues entdecken könnten? Kontrahentin Lersner findet im Magnifikat Anregung zum Klimaschutz.

Das Gemeindefeedback entthront die Pfarrer

Sie sieht die Einbeziehung der Gemeinde als Demokratisierung. „Da werden wir Pfarrer entthront“, sagt sie. „Das hat dann wirklich einen theologischen Wert.“ Das Publikum entscheidet mit Applaus, welche Predigt besser war.

Sprachlich unterirdisch, wie man es von Rap- Battles kennt, wird es in der Kirche nicht. Sehr wohl aber ungewöhnlich: In der dritten Runde müssen die Prediger die Begriffe „Atmen“, „Haftpflichtversicherung“ und „Gartenzwerg“ in ihre Predigten einbauen. Sie haben ein Musikstück lang Zeit, sich etwas zu überlegen. Diese Runde sorgt für Lachen im Publikum. „Das ist Wahnsinn, dass die so etwas aus der Hüfte schießen können“ sagt Lea Mathar (29) später. „Pater Benno hat sich dazu nicht einmal etwas aufgeschrieben.“ Für seine Ausf ü h r u n g e n bekommt er viel Applaus und gewinnt das Battle.

Dieses direkte Feedback findet Pfarrerin Lersner realistisch. „Da merke ich dann, dass ein Gedanke nicht richtig angekommen ist. Dass nicht ich die Königin des Moments bin, sondern das sind die, die zuhören. Das hat schon auch was von Machtverzicht und das ist auch erst einmal unbequem“, sagt Lersner. Gleichzeitig seien schlechte Predigten für die Zuhörer ebenso unbequem, wirft Pater Benno ein. Er wünscht sich häufiger Predigt-Feedback. Er möchte wissen, ob es zu banal oder zu kritisch war, ob der Sprachrhythmus gut war, ob es zu sehr ins Detail ging, ob die Gemeinde unterhalten werden oder lieber theologischen Input möchte. „Wenn man so eine Feedback-Kultur auch im normalen Gottesdienst hätte, das fände ich eigentlich ganz cool“, sagt Pater Benno.

Beide sehen darin eine Chance, Menschen besser anzusprechen. Studien zeigen, dass viele Kirchenmitglieder nicht mehr mit den bestehenden Angeboten erreicht werden. Im Predigt-Battle steckt die Kraft der Irritation, meint Pater Benno. „Man bringt Themen zusammen, die die Menschen nicht zusammen erwarten.“ Durch das Ausprobieren neuer Gottesdienstformate erfahren Kirchen, was bei den Menschen wirke. „Ein einmaliges Predigt-Battle kann nicht langfristig geistlich nähren“, sagt Pfarrerin Lersner, „aber wir lernen mit diesem Spiel eine innere Flexibilität.“ Ob das stimmt, oder ob ein Predigt-Battle doch langfristig geistlich nährend sein kann, bleibt offen. Die heiteren Gesichter zeigen, dass es zumindest erfrischend war.