Katholische Insel im evangelischen Havelland

Foto: Thomas Vieweg

Obst, Ziegel und das Eichsfeld: Das sind die Gründe, warum vor 120 Jahren in der Kleinstadt Werder (Havel) eine katholische Kirche entstand.

Auf dem Seitenarm der Havel zieht gemächlich eine Yacht an der Altstadt-Insel von Werder vorbei. Am Ende der Wiese am Ufer ragt der fast 35 Meter hohe Turm der katholischen Kirche St. Maria Meeresstern in den Himmel. „In schönster Lage am Wasser“ überschrieb denn auch Christine Goetz, die frühere Kunstbeauftragte des Erzbistums Berlin, ihre kunsthistorische Beschreibung der Kirche St. Maria Meeresstern, deren 120-jähriges Kirchweihjubiläum im August gefeiert wird.

Doch wie kam es, dass mitten im protestantischen Preußen ein großes katholisches Gotteshaus in einer Kleinstadt entstand? Die Antwort ist eng verbunden mit Werders Geschichte und dem rasanten Aufschwung der Stadt im 19. Jahrhundert. Noch nach dem Dreißigjährigen Krieg zählte Werder etwa 150, fast ausschließlich protestantische Einwohner. Sie waren überwiegend in zwei Branchen tätig, die hier Tradition haben: Fischfang und Weinanbau.

Im 19. Jahrhundert nahm die Einwohnerzahl rasant zu, begünstigt durch zwei Entwicklungen. So profitierten die bis dahin in bescheidenen Verhältnissen lebenden Fischer und Winzer nach den Befreiungskriegen Anfang des Jahrhunderts von der Agrarreform. Gemeindeland wurde an die nun nicht mehr abhängige Bevölkerung verteilt. Es war ein Schub für den Obstanbau, der mehr und mehr den Weinbau verdrängte. Die Obstplantagen und damit die Stadt wuchsen.

Desweiteren setzte im 19. Jahrhundert der Aufstieg von Berlin und Potsdam ein. Die Großstädte brauchten nicht nur Nahrungsmittel wie Obst, sondern auch reichlich Baumaterial. In Werder schossen Ziegeleien aus dem Boden. Ihre Ziegel konnten über die Havel in die beiden großen Städte transportiert werden. Obstanbau und Ziegeleien zogen zahlreiche Arbeitskräfte an, darunter viele aus dem katholischen Eichsfeld.

Im Verwaltungsbericht der Stadt von 1890 findet sich die Zahl von exakt 5918 Einwohnern, davon 5768 Protestanten, 144 Katholiken und sechs Juden. In den Chroniken verbrieft ist, dass am 9. Mai 1897 rund 300 Katholiken aus Werder und Glindow im Gartenlokal des Schützenhauses auf der Altstadt-Insel Gottesdienst feierten. Der zuständige Potsdamer Erzpriester Paul Jende bat den Bischof in Breslau, eine Kirche errichten zu dürfen. Der stimmte im Jahr 1900 zu. Zunächst sollte diese unweit der evangelischen Heilig-Geist-Kirche entstehen, was im protestantischen Preußen aber nicht genehmigt wurde. Daraufhin konnte ein Obstzüchtergrundstück erworben werden – in bester Lage auf der Insel unweit der Havel.

Im ganzen Reichsgebiet sammelte man Spenden für den Bau, der ab 1905 nach den Plänen des Werderaner Architekten Franz Dreßler im neoromanischen Stil entstand. Am 19. August 1906 erhielt die Kirche durch den Fürstbischöflichen Delegaten von Berlin, Probst Carl Kleineidam, die Weihe. 1930 zählte die Gemeinde – zu der auch die umliegenden Orte gehören – bereits 900 Gläubige. Eine katholische Insel im protestantischen Havelland.

Heute ist die Gemeinde Teil der Pfarrei Allerheiligen im Potsdamer Land. Dass die Kirche im Erzbistum recht bekannt ist, hängt auch mit ihrer Lage am Wasser zusammen. Sie hat nicht nur einen Namen als Wallfahrtskirche, sondern ist auch als Hochzeitskirche beliebt.