Kinder entdecken Kirchenraum

Schwester Laura von den Missionarinnen der Nächstenliebe (Mutter-Teresa-Schwestern) zeigt Kindern den Marienaltar und erklärt die Bedeutung der Gottesmutter für den katholischen Glauben. Foto: Oliver Gierens

Bei der 14. Berliner Familiennacht war auch die Kreuzberger St.-Marien-Liebfrauen-Kirche wieder mit dabei. An zehn Stationen näherten die Kinder sich spielerisch dem Gotteshaus. Damit will sich die Gemeinde bewusst für die Stadtgesellschaft öffnen.

Das große Gewölbe der Kirche St. Marien Liebfrauen in Berlin-Kreuzberg ist nur mit Kerzen ausgeleuchtet. Noch ist es still in dem neoromanischen Kirchenraum, bis an diesem Samstagabend um 19 Uhr rund 20 Kinder in das Gotteshaus stürmen und für lebhafte Stimmung sorgen. In Berlin ist Familiennacht – und zu den rund 170 Veranstaltungen gehört auch eine Entdeckungsreise durch die Kirche. Denn für viele Kinder ist so ein Kirchenraum etwas Unbekanntes. Deshalb hat das Team um Pastoralreferent Bernhard Kreß mehrere Stationen aufgebaut, die zum Mitmachen, Zuhören, Entdecken oder Spielen einladen.

In der Sakristei sitzen drei kleine Kinder auf dem Boden und hören eine Geschichte von Gemeindereferentin Bernadette Heidekrüger. Es geht um eine Welt, in der man jedes Wort, das man benutzen will, erst kaufen und dann schlucken muss, bevor man es aussprechen kann. Thema ist die Achtsamkeit der Sprache. Die Kinder sollen lernen, erst einmal nachzudenken, bevor sie Wörter verwenden, sagt Heidekrüger.

Am Marienaltar erklären zwei Missionarinnen der Nächstenliebe (Mutter-Teresa- Schwestern) den Kindern die Bedeutung von Maria für die katholische Kirche. Gleich hinter dem hölzernen Hochaltar widmet sich die Pfarrerin der benachbarten evangelischen Gemeinde mit den Kindern dem Weihrauch – ein Beispiel für praktische Ökumene, da Weihrauch in evangelischen Kirchen meist unbekannt ist. An anderen Stationen basteln die Kinder Schmuck oder Laternen – und es geht hinauf auf den Kirchturm, wo eine der Glocken besichtigt werden kann.

Beliebt ist an diesem Abend vor allem die Kerzenstation vor dem Altar. Viele zünden hier ein Licht für eine bestimmte Person an. „An wen denkst du?“, fragt eines der Kinder, das zusammen mit anderen eine dünne Kerze in die Sandschale steckt. Einige Mütter mit Kopftüchern stehen um die Schale herum, auch muslimische Kinder aus der Nachbarschaft im Multikulti-Viertel Kreuzberg sind gekommen.

„Ich würde sagen, dass die wenigsten Besucher aus unserer Gemeinde stammen“, sagt Pastoralreferent Kreß. Viele hätten keine Kirchenbindung oder gehörten anderen Religionsgemeinschaften an. Zum vierten Mal präsentiert sich die St. Marien Liebfrauen-Kirche bei der Berliner Familiennacht, die in diesem Jahr zum 14. Mal stadtweit zahlreiche Events für Familien anbietet, etwa Theater, Nachtgolfen oder Musizieren. Für Kreß ist es sinnvoll, wenn sich die Kirche in einem solch weltliche Rahmen präsentiere. „Wir machen die Türen auf“, sagt er. Und dabei geht es mitunter recht laut zu, wenn die Kinder durch den Altarraum rennen. „Wir wollen aber bewusst nicht zu einer Andacht einladen, sondern zum Entdecken“, so Kreß.

Mit dabei ist auch eine Frau mit zwei Kindern aus Berlin-Johannisthal. „Bei uns in der Gemeinde ist wenig los, die beiden gehen in die evangelische Kinderkirche“, erzählt sie. Deswegen wolle sie auch Kontakt zu anderen Gemeinden bekommen. Den beiden Kindern scheint es zu gefallen. Sie haben Fotos mit Detailaufnahmen, etwa der Kanzel, in der Hand, sollen die „Puzzleteile“ im Kirchenraum entdecken.