Nachdem die Franziskaner die Pfarrei St. Ludwig in Berlin-Wilmersdorf verlassen haben, übernimmt Pfarrer Thomas Pfeifroth die Verantwortung für die 20 000 Gläubigen.
„Ich bin nicht ins kalte Wasser gesprungen“, beruhigt Thomas Pfeifroth, der zuvor Pfarrer der Gemeinde „Bruder Klaus“ im südlichen Berliner Bezirk Neukölln war, wenn man ihn auf seine neue Mammutaufgabe als Pfarrer von St. Ludwig anspricht. Der 54-Jährige hat die Verantwortung für die 20 000 Gemeindemitglieder von den Franziskanern übernommen, die sich Ende August nach 34 Jahren aus der Arbeit rund um St. Ludwig verabschiedet haben. Er habe genügend Zeit gehabt, um sich auf seine Aufgabe einzustellen. Dazu gehörte für den sportlichen Geistlichen auch, sich sein neues Pfarrgebiet während des Corona-Lockdowns bei zweibis dreistündigen täglichen Spaziergängen zu erlaufen. Ihm war der Bezirk Wilmersdorf rund um die rote Backsteinkirche aus dem Ende des 19. Jahrhunderts nicht so vertraut.
Landwirtschaft und Religion prägen Alltag
Ursprünglich kommt Pfeifroth, der schon seit über 30 Jahren in Berlin lebt, aus dem unterfränkischen Fellen. Er wuchs als Jüngster von fünf Geschwistern auf. Seine Eltern waren Landwirte. „Das hat mich sehr geprägt“. Schöpfung und Natur spielten herausragende Rollen. Er erinnert sich, wie sein Onkel die Geburt eines Fohlens herannahen sah und er sich einen Schulfreund zur Übernachtung einladen durfte. Als es soweit war, wurden die Jungs nachts geweckt, um dabei zu sein, als das kleine Pferd auf die Welt kam. Schöpfung und Religion dicht beieinander, das war das Umfeld, in dem er groß wurde. Seine Mutter hatte in seinem Zimmer den Hausaltar eingerichtet. Keine Chance für den Teenager, daran etwas zu verändern. Sein Vater betete mit Einsetzen des Glockengeläuts mittags um 12 Uhr den Angelus auf dem Feld. So erwachte in Pfeifroth schon früh der Wunsch, Pfarrer zu werden.
Nach dem Realschulabschluss ging er auf das Internat der Karmeliten in Bamberg, um sein Abitur zu machen. Innere Zerrissenheit und schlechte Erfahrungen bewegten ihn dann jedoch, im gleichen Jahr aus der Kirche auszutreten. Es zog ihn nach einem begonnenen Kunstgeschichtsstudium in Frankfurt am Main nach Berlin. Er arbeitete als Filmausstatter und Florist. Doch fand er bei seinen Tätigkeiten nicht die Erfüllung, die er sich erhoffte.
Die Kehrtwende beschreibt Pfeifroth so: „Ich hatte ein sehr wichtiges Gespräch mit meinen inzwischen schon lange verstorbenen Eltern. Ich sagte ihnen: Jetzt bin ich schon zehn Jahre durch Berlin geirrlichtert und wusste nicht richtig, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Dann sagte mein Vater: Der liebe Gott wird schon wissen, warum das so war.“ Noch heute wird er rührselig, wenn er davon erzählt. Er trat 1998 wieder in die Kirche ein, studierte Theologie und wurde 2005 zum Priester geweiht.
Davon, dass sein Weg nicht geradlinig war, profitiert Pfeifroth in seiner Arbeit bis heute: „Ich liebe die Kirche, ich arbeite gerne für die Kirche, aber ich leide auch mit und an ihr. Das möchte ich auch in der Verkündigung thematisieren. Ich weiß, dass es hier noch mehr Leute gibt, die Probleme mit Moraltheologie und der Struktur der Kirche haben. Denen kann ich ein guter Gesprächspartner sein, weil ich weiß, wovon sie reden.“ Ein Beispiel: Ein Ehepaar kam zu ihm, um ihr Kind taufen zu lassen. Während des Vorgesprächs gestand dann einer der beiden: „Herr Pfarrer, ich war aber mal aus der Kirche ausgetreten.“ Darauf erwiderte Pfeifroth nur: „Ich auch.“
Entwicklungspotenzial der neuen Aufgabe
Wird nun alles neu in St. Ludwig? Zu dieser Frage hält sich Pfeifroth wenige Wochen nach Amtsübernahme noch bedeckt. Ein paar Schlaglichter zündet er dennoch: „Entwicklungspotenzial sehe ich in der Liturgie, in der Gestaltung des Kirchenraums, in der Vernetzung zwischen Christen, Juden und Muslimen, der Wertschätzung des Ehrenamts, der Kirchenmusik.“ Einige Punkte konkretisiert er noch: In der Liturgie sei ihm wichtig, dass der Ambo ausschließlich Ort der Verkündung sei. In der Kirchenmusik sieht er einen Anknüpfungspunkt für Außenstehende: „Wir haben eine ausgezeichnete Kirchenmusik hier. Vielleicht können wir noch vielfältigere Formate entwickeln, die auch für Nichtchristen interessant sind“, sagt der Pfarrer, dem künftig ein Organisationsleiter zur Bewältigung der umfangreichen Bürokratie für 60 Mitarbeiter zur Seite stehen wird. Außerdem unterstützt ihn ein pastorales Team bei der Seelsorge.
Privat ist Pfarrer Pfeifroth kulturell interessiert. Sein Konzertabo für die Staatskapelle Berlin lässt er derzeit allerdings erst einmal ruhen, doch geht er auch gerne in Museen, verfolgt die neue Architektur in der Stadt. Dann weiß er, warum er sich bereits als kleiner Junge nach einer Großstadt sehnte.
Rund um die Ludwigskirche pulsiert das Leben. Sein Büro in der zweiten Etage des Gemeindehauses ist frisch getüncht. Sehr zentral auf der weißen Wand hängt das Foto der Künstlerlin Wiltrud Thiemann-Hüsgen mit dem „sinnlichen, fast wollüstigen“ Messgewand und einem Stück rotem Stoff darauf, das wie ein Pflaster aussieht. Es war ein Geschenk der Kunststation St. Peter in Köln. Pfeifroth sieht sich darin stark wieder. Sein Primizspruch lautet: „Durch seine Wunden sind wir geheilt.“