Weltweit vermittelt und verhandelt die katholische Gemeinschaft Sant‘Egidio diskret in Kriegen und Konflikten. Auch Mitglied Tobias Müller aus Berlin hat Erfahrungen in Friedensverhandlungen. Mit Oliver Gierens hat er über Chancen auf ein Ende des Krieges in der Ukraine gesprochen.
Herr Müller, wie geht es momentan Ihren Freunden in der Ukraine?
Die Situation in der Ukraine ist dramatisch. Unsere Gedanken sind bei den Menschen, auch mit unseren ukrainischen Freunden von Sant‘Egidio, die teilweise im Kriegsgebiet ausharren und dort Unglaubliches leisten. Wir fühlen und leiden mit ihnen.
Haben Sie den Eindruck, dass beide Seiten wirklich den Frieden suchen, oder will man nur Zeit gewinnen?
Das Gute ist, dass es bereits Verhandlungen gibt. Das war nach Beginn des Krieges nicht selbstverständlich. Und doch scheinen die beteiligten Seiten erkannt zu haben, dass es in einem Krieg keine Gewinner geben kann, dass ein Krieg nur durch Verhandlungen oder durch Abkommen zu beenden ist.
Nach dem letzten Treffen hat die Ukraine nach eigenen Angaben Russland ein neues Sicherheitskonzept vorgeschlagen. Anscheinend gibt es eine Offenheit für einen Neutralitätsstatus der Ukraine. Russland hat angekündigt, militärische Aktivitäten radikal zu reduzieren, etwa um Kiew. Ob dies auch umgesetzt wird, bleibt abzuwarten, doch dass es Schritte aufeinander zu gibt, ist ein gutes Zeichen.
Der Dialog ist ohne Alternative. Wenn ein Krieg erst mal in Gang gesetzt ist, entwickelt er Logiken und Spiralen, die niemand mehr kontrollieren kann. Der einzige Ausweg sind Gespräche, sollten sie auch noch so schwer sein.
Sant‘Egidio ist eine geistliche Gemeinschaft, die sich für Frieden und gegen Armut engagiert. Wie sind Sie zum Akteur bei internationalen Friedensverhandlungen geworden?
Das begann in den 1980er Jahren, als wir in Rom einen Priester aus Mosambik kennenlernten, wo im Bürgerkrieg schon über eine Million Menschen gestorben waren. Die internationale Gemeinschaft hatte das Land bereits aufgegeben. Der Priester bat uns um Hilfe. Mit Hilfe des Evangeliums in der Hand, das uns sagt, dass alles möglich ist, hat sich Sant‘Egidio dann für Hilfslieferungen von Italien nach Mosambik eingesetzt.
Mit der Zeit trafen wir immer mehr Menschen vor Ort in Mosambik, bis wir beim Rebellenführer und beim Präsidenten angelangt waren. Die haben wir dann nach Rom zu Sant‘Egidio eingeladen, wo sie zwei Jahre lang durchgängig verhandelten. Am Ende stand ein Friedensabkommen für Mosambik, das bis heute Bestand hat und noch heute von den Sant‘Egidio-Gemeinschaften vor Ort gestützt wird. In diesem Moment erkannten wir: Als geistliche Gemeinschaft und zivilgesellschaftlicher Akteur können wir helfen, Frieden zu stiften.
Was macht Sant‘Egidio anders als die klassische Diplomatie?
Zur unserer Philosophie gehört, mit jedem in den Dialog zu treten. Dazu gibt es Absichtserklärungen mit Organisationen und Ländern auf der ganzen Welt. Wir tun nur das, was dem Prozess zuträglich ist, immer in Abstimmung mit allen Akteuren. Wir können dort vermitteln, wo die offizielle Diplomatie das nicht kann. Zum Beispiel kann Deutschland nicht mit Extremisten reden – damit würde es diese de facto anerkennen. Wenn wir mit Extremisten reden, dann wird damit nur ein Gesprächsfaden geknüpft.
In vielen Konflikten spielt Vertrauen eine große Rolle. Wir können fernab der Öffentlichkeit und offen mit verschiedenen Gruppen sprechen, ohne Druck, schnell irgendein Abkommen auf den Tisch legen zu müssen. Alle wissen: Wir verfolgen keinerlei wirtschaftliche, politische oder finanzielle Interessen, haben keine geheime Agenda.
Wichtig ist die frühzeitige Abstimmung mit Behörden und der offiziellen Diplomatie. Sant‘Egidio hat keine Armeen wie die Vereinten Nationen, die einen Waffenstillstand kontrollieren können. Wir haben auch keine wirtschaftlichen Mittel, um ein zerstörtes Land wieder aufzubauen. Aber wir können zum Abschluss von Friedensabkommen beitragen.
Wo konnte Sant‘Egidio schon erfolgreich vermitteln?
Nach dem Friedensvertrag für Mosambik erhielt Sant‘Egidio viele Anfragen, in Konflikten zu vermitteln: Algerien, Burundi, Guatemala und andere. Im Moment sind wir sehr involviert im Südsudan, der Zentralafrikanischen Republik, im Senegal, aber auch andersorts. Auch haben wir gelernt, dass Frieden nicht nur politische Verhandlungen bedeutet, sondern auf allen Ebenen aufgebaut werden muss. Es spielt alles zusammen.
Wie gelingt es Ihnen als katholische Organisation, Politiker und Militärs an einen Tisch zu bringen?
Es ist die angesprochene Philosophie des Dialogs. In über 70 Ländern sind wir mit insgesamt über 80 000 Mitgliedern vertreten. Diese Menschen setzen sich in ihren Ländern für jene ein, denen es noch schlechter geht als ihnen selbst: in Afrika beispielsweise Straßenkinder, Gefangene, alte Menschen oder Aidskranke, in Europa Flüchtlinge und viele andere. Und das immer mit dem Gebet, mit dem Evangelium in der einen und der Zeitung in der anderen Hand, also dem Leben in der heutigen Welt.
So entstehen Netzwerke auf zivilgesellschaftlicher genauso wie auf interreligiöser Ebene, mit Muslimen und anderen. Dadurch kennen wir mitunter die relevanten Akteure eines Konflikts, der gerade erst ausbricht, und können manchmal Schlimmeres verhindern. Oft werden wir auch direkt von Beteiligten oder Dritten angefragt, zu vermitteln.
Sie helfen ja derzeit in der Ukraine auf andere Art und Weise, etwa durch Friedensgebete und praktische humanitäre Unterstützung. Welche Hilfe leistet Sant‘Egidio im Kriegsgebiet?
Ein wichtiger Punkt, denn unsere Antwort ist vor allem die humanitäre Antwort für die Menschen, die Antwort des Dialogs und die Förderung einer Kultur des friedlichen Zusammenlebens.
Viele unserer ukrainischen Mitglieder sind geblieben, um den Schwächsten zu helfen. Katja, eine junge Ukrainerin, arbeitet weiter als Krankenschwester in einem Kiewer Krankenhaus. Manche Menschen haben alles verloren oder sind nicht mobil genug, um zu fliehen, gerade ältere Leute. An die verteilen wir Nahrung, Decken oder Medikamente, auch in U-Bahnhöfen, wo sich die Menschen in Sicherheit gebracht haben. In Lwiw und Iwano-Frankiwsk hat Sant‘Egidio Ankunftszentren für Flüchtlinge eröffnet. Ständig treffen neue Hilfslieferungen ein. Wir sind sehr dankbar für die Spenden, durch die wir lebenswichtige Güter in die Krisenregionen senden können.
Hier in Deutschland heißen wir die Flüchtlinge mit unserem europäischen Netzwerk willkommen, vermitteln Unterkünfte und Wohnungen, helfen bei der Integration, mit Sprachkursen oder Kinderbetreuungsangeboten wie der „Schule des Friedens“ hier in Berlin. Eine weitere Antwort sind Friedensgebete, ökumenische Gottesdienste, mit denen wir auch das teils feindliche Klima in unserer Gesellschaft überwinden wollen.
Wichtig ist zu zeigen, dass wir alle uns nicht der Gewalt ergeben, sondern uns für Frieden und Menschlichkeit einsetzen.
Sie selbst, Herr Müller, nehmen auch an Friedensmissionen teil. Wo waren Sie schon engagiert?
Insbesondere war und bin ich in unsere Friedensarbeit im Südsudan involviert, wo leider kurz nach der Unabhängigkeit ein schlimmer Bürgerkrieg mit hunderttausenden Toten ausgebrochen ist. Ein Friedensabkommen hielt nicht, ein neues musste vermittelt werden. Es wurde klar, dass mehrere entscheidende Gruppen das Friedensabkommens nicht unterschreiben wollten, weil man noch gar nicht über die wahren Gründe dieses Konflikts gesprochen habe.
Seitdem vermitteln wir zwischen der Regierung und den bewaffneten Gruppen, bis heute. Die Situation ist nach wie vor schwierig, es gibt immer noch Kämpfe. Von daher ist es wichtig, den Dialog fortzuführen.
Was könnte in der Ukraine der Hebel zum Frieden sein? Ist jemand wie Putin überhaupt zu Kompromissen bereit?
Wir von Sant‘Egidio haben die Erfahrung gemacht, dass man mit allen reden muss, auch mit „dem Bösen“. Wie sonst könnten wir etwas verändern? Nicht immer weiß man, was in den beteiligten Personen vorgeht. Aber Gespräche und Verhandlungen können Haltungen verändern – mal geht das schnell, mal dauert es länger.
Wichtig ist, was vereint, und nicht, was trennt. Russland und die Ukraine haben eine gemeinsame Geschichte, ein gemeinsames kulturelles Erbe, auch wenn dies in den Hintergrund rücken mag, wenn einer den anderen angreift. Wichtig wäre ein Waffenstillstand. Dafür gibt es verschiedene Szenarien, beispielsweise den Einsatz von UN-Friedensmissionen zwischen den Fronten. Danach gilt es, den Hilfsbedürftigen zu helfen. Und dann geht um den Aufbau einer gemeinsamen Zukunft.
Hier denke ich an das Beispiel Deutschland – Frankreich. Beide Länder waren lange Zeit Feinde, bezeichneten sich sogar als Erbfeinde. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg hat man erkannt, dass man alles dafür tun muss, um einen weiteren Krieg zu verhindern. Heute wäre Frankreich als Feind gar nicht mehr vorstellbar. Stattdessen gestaltet man gemeinsam die europäische Politik.