„Mehr gebetet als geschlafen“ Erzbischof Heiner Koch über seine Gedanken und Gefühle zur St. Hedwigs-Kathedrale

Foto: Cornelia Klaebe

Berlin. Sobald sein Name als neuer Erzbischof von Berlin bekannt wurde, erhielt Heiner Koch Briefe zur St. Hedwigs-Kathedrale. Sie ist eines der großen Themen seiner Amtsführung und steht jede Woche auf seiner Agenda.

Was ihn daran bewegt, verrät er im Interview.

Herr Erzbischof, wenn Sie an die St. Hedwigs-Kathedrale denken: Was fühlen Sie?

Es ist eine Riesenchance, mitten in Berlin eine Kathedrale zu haben, die als Gotteshaus selbst die
Botschaft Jesu Christi verkündet, in einer Stadt, in der so viele Menschen mit Christus nie eine Berührung
hatten. Ich bin dankbar und froh über die lebendige Domgemeinde, die vielen Passanten und Touristen, aber auch für viele Anlässe zu feierlichen und repräsentativen Gottesdiensten.

Also ist Ihre erste Assoziation gar nicht die jetzt entschiedene Umgestaltung?

Zeitlich gesehen schon, weil es die erste Frage war, die mir gestellt wurde: Wie hältst du es mit der Kathedrale? Mit meiner Ernennung zum Erzbischof von Berlin bin ich mit Briefen befeuert worden, die mich vor einer Umgestaltung warnten. Es werde für mich sonst sehr kalt und einsam werden. Das waren Briefe zur Begrüßung, die mich ziemlich schockiert haben. Mir war völlig klar, dass hier eine Spannung da ist und manchmal sogar Spaltung droht. Das war für mich der Grund, dieses Anliegen mit ins Gebet zu nehmen, und einen Gesprächsprozess mit dem Symposium und den Beratungen in den Gruppen und Gremien aufzunehmen, um viele unterschiedliche Meinungen zu hören.

Sie haben sich für einen Weg des Hörens entschieden. Wie haben Sie den erlebt?

Als sehr bereichernd. Vieles ist mir erst in Gesprächen bekannt oder bewusst geworden. Natürlich
hatte ich auch immer sehr viel gelesen, aber das Zuhören macht Argumentationen klarer, andere Sichtweisen nachvollziehbar.

Wie war Ihre eigene Rolle auf diesem Weg?

Es war für mich wichtig, auch auf das zu hören, was zwischen den Zeilen und ohne Worte gesagt
wurde. Es geht ja nicht nur um Theologie, Liturgie, Spiritualität und Architektur, sondern um die
Seele und Geschichte vieler Menschen und persönliche Verbundenheit und Verletzung. Dass das oftmals in Worten und Sätzen gar nicht ausgedrückt wird, habe ich sehr wohl wahrgenommen. Ich war dann schon erstaunt über die hohe Zustimmung zu einer Umgestaltung in den Voten der verantwortlichen und oft demokratisch gewählten Gremien.

Im Hirtenbrief zur Kathedrale schreiben Sie von den hunderten Briefen und E-Mails, die Sie
bekommen haben … Es gab keinen Tag, wo nicht mehrere Briefe und E-Mails ankamen. … waren auch persönlich verletzende dabei?

Ja. Das ist bis heute so geblieben. Das trifft mich, obwohl ich bei manchen inzwischen den Kopf schüttele und sage: Das dürfte unter Menschen und Christen so nicht gesagt werden. Allerdings habe ich viele Briefe auch nach der Bekanntgabe beantwortet, auch solche, die mich verwundet haben, und habe da allerdings auch wieder schöne Zweitreaktionen bekommen – auch von Leserbriefen aus dem Tag des Herrn, auf die ich geantwortet habe.

Sie haben zur St. Hedwigs-Kathedrale fünf Tagebücher gefüllt. Was steht darin?

Die Begegnungen mit Menschen und was die Menschen mir gesagt haben. Viele Fragen, die ich dem
Domkapitel und den Architekten, aber auch meinen Freunden gestellt habe. Diese Fragen begleiten mich bis heute. Ich treffe mich oft mit den Architekten, und ich stelle viele Fragen. Nach meiner Entscheidung
für die Umgestaltung fangen wir jetzt an, diese Fragen zu diskutieren und Antworten zu entwickeln.
Sie wussten, dass Ihre Entscheidung bei vielen Gläubigen auf Ablehnung stoßen würde.

Wie haben Sie in der Nacht auf Allerheiligen geschlafen?

Ich habe mehr gebetet als geschlafen, um ehrlich zu sein. Denn ich war mit bewusst, dass es um einen
wesentlichen Schritt in der Geschichte dieses Bistums geht. Aber ich wusste, dass keine Entscheidung
auch keine Alternative sein konnte. Ich habe mir daher den Reformationstag und auch Allerheiligen
für das Gebet weitgehend freigehalten:

Lieber Gott, ich habe das getan, was mit möglich ist, jetzt musst Du auch das Deine tun!

Man sagt, dass Sie persönlich am Anfang von dem Siegerentwurf gar nicht begeistert waren. Das ist so nicht richtig. Der Entwurf von Sichau & Walter mit Leo Zogmayer greift noch konsequenter als schon Hans Schwippert die Architektur des Rundbaus auf und bringt sie zur Geltung. Der Altar unter der Kuppel unterstreicht und verdeutlicht, dass sich die Gemeinde um den Herrn in ihrer Mitte versammelt. In der Unterkirche mündet die Mittelachse von der Kuppel durch den Altar in das Taufbecken und betont auf diese Weise die Verbindung zwischen Taufe und Eucharistie. Sakramenten-theologisch konsequent ist auch die Entscheidung, die Beichtgelegenheit in der Unterkirche vorzusehen. Denn die Beichte ist letztlich nichts anderes als die Erneuerung der Taufgnade. Und schließlich bleibt die Unterkirche das, was sie heute schon ist: Gedenkort der Toten, insbesondere des Seligen Bernhard Lichtenberg und der dort begrabenen Berliner Bischöfe, aber auch Gedenkort der wechselvollen Geschichte unseres Bistums.

Sie sprechen von Fragen, die jetzt diskutiert werden müssen, welche sind dies?

Ich habe mich beispielsweise gefragt, wie die Kathedrale wirkt, wenn nicht darin Gottesdienst gefeiert wird. Was bedeutet die Position des Altars für nicht-eucharistische Gottesdienste? Die Fragen der Stühle, der Bänke.

Wie waren die Reaktionen, die Sie seit der Entscheidung bekommen haben?

Sie waren wie erwartet. Die Presse hat im Großen und Ganzen über die Entscheidung fair berichtet, und die Argumentation noch einmal nachvollzogen. Darüber hinaus gab es Beides: weiterhin kritische Wortmeldungen, aber auch Erleichterung, dass jetzt endlich eine Entscheidung gefallen ist.

Wie sehen Sie in die Zukunft?

Ich blicke optimistisch in die Zukunft, ohne die Geschichte zu vergessen – die ganze Geschichte der Kathedrale. Sie wird bald 250 Jahre alt, und ich will nicht nur die letzten 50 Jahre in den Blick nehmen.
Den Bruch mit der Geschichte gab es vor 50 Jahren. Hans Schwippert hat zwar erstmals die Kathedrale
als Rundbau ernst genommen, er hat dafür aber die Öffnung erst geschaffen und die Krypta komplett
umgestaltet. Ich habe jetzt entschieden, die Öffnung wieder zu schließen – in der Überzeugung, dass das, was manche als Bruch bezeichnen, als Wiederherstellung gesehen werden kann.

Ich blicke optimistisch in die Zukunft, aber nicht blauäugig: So, wie ich begonnen habe, wird es auch weitergehen. Mit einem unabhängigen Bau- und Finanzcontrolling mit höchster Transparenz. Wir müssen mit jedem uns anvertrauten Cent verantwortlich umgehen – gerade in Berlin. Denn ich gebe nicht mein Geld für mich aus, sondern das mir anvertraute Geld für unser wichtigstes Gotteshaus. Vor 50 Jahren haben die Verantwortlichen Geschichte nicht als etwas Starres, Unbewegliches verstanden und eine völlige Neugestaltung des Innenraums von St. Hedwig gewagt, auch wenn ihnen das damals den Vorwurf
der Geschichtsvergessenheit einbrachte. Ihren Mut zur Kreativität greifen wir für die Umgestaltung
von St. Hedwig auf.

Die Fragen stellte: Cornelia Klaebe