Als Verwaltungschef und Stellvertreter des Erzbischofs muss Generalvikar Pater Manfred Kollig SSCC das Erzbistum durch die Corona-Krise leiten. Im Interview spricht der Arnsteiner Pater über seine Pandemie-Erfahrungen und die Schwierigkeit, Entscheidungen durchzutragen.
Haben die Gemeinden im Erzbistum die Zeit der Beschränkungen bisher eher kreativ genutzt oder sind Sie in eine Art Winterschlaf verfallen?
Der Umgang mit der Krise war sehr unterschiedlich, aber die meisten Gemeinden waren präsent: Sie haben die Öffnungszeiten ihrer Kirchen ausgeweitet, Gesprächsangebote gemacht, Schutzkonzepte erstellt und mit großem ehrenamtlichen Einsatz umgesetzt. Es wurde viel Neues ausprobiert in dieser Zeit. Einige Gemeinden haben die digitale Mitfeier ihrer Gottesdienste ermöglicht. Vielerorts sind Hausgottesdienste angeregt und gefeiert worden. Manche interessante Erfahrung wurde dann auch im Netz mit anderen geteilt. Auch die Sternsinger haben sich viel einfallen lassen, zum Beispiel haben sie Segensbriefe in die Briefkästen gesteckt.
Schon vor der Pandemie haben wir angesichts des Wandels in Gesellschaft und Kirche darüber nachgedacht, wie Gottesdienste künftig aussehen können. Daran konnten Gemeinden, die dafür offen waren, jetzt anknüpfen. Es gibt aber auch Katholiken, die möchten, dass alles so bleibt wie es ist. Ich selbst bin der Meinung, dass Hauskirchen künftig an Bedeutung gewinnen werden, so wie es bereits jetzt in anderen Ländern zu beobachten ist, in denen es nur wenige Priester gibt. Auch das Zweite Vatikanische Konzil hat ja die Bedeutung der Hauskirchen hervorgehoben.
Haben Sie in den zehn Monaten, die wir nun schon mit der Pandemie leben, hinzugelernt?
Natürlich. Die erste Phase, etwa bis Ostern, war von Ängsten und Unwissenheit bestimmt. Es gab ja zunächst wenige Erkenntnisse, was wirksam vor einer Infektion schützt. Es gab auch noch wenig Möglichkeiten, sich synodal oder kollegial abzustimmen. Damals haben wir entschieden, besser alles abzusagen, um einander zu schützen. In dieser Phase wuchs unsere digitale Präsenz. In einer zweiten Phase bis November hatten wir Schutzkonzepte entwickelt und konnten es wagen, zum Gottesdienst wieder öffentlich zusammen zu kommen. Wir konnten unter Beweis stellen, dass wir sehr verantwortlich mit der Pandemie umgehen können. Als die Zahlen dann im Herbst in die Höhe schnellten, gab es zwei Tendenzen: die einen plädierten dafür, alles wieder so zu machen wie im März. Andere – und zu denen gehöre ich – wollten die gemachten Erfahrungen nutzen und das, was verantwortbar schien, auch ermöglichen. Wir sind gewissermaßen auf Sicht gefahren, haben uns an die politischen Entscheidungen gehalten und dort, wo besondere Vorsicht geboten schien, nachgesteuert. Gegenwärtig verzichten wir deshalb im ländlichen Raum auf Präsenz-Gottesdienste, wenn in einem Landkreis der Inzidenzwert über 200 liegt. In der Stadt Berlin differenzieren wir weniger. Würden wir in weniger betroffenen Bezirken heilige Messen feiern, kämen Gottesdienstbesucher aus den Nachbarbezirken dorthin, und das würde die Risiken wiederum erhöhen. Doch auch wo keine Gottesdienste stattfinden, ist gegenwärtig nicht alles so wie im März und April. Damals gab es ja beispielsweise zu wenig Schutzkleidung für Seelsorger in Altenpflegeheimen, Krankenhäusern und anderen kirchlichen Einrichtungen. Da ist jetzt deutlich mehr möglich. Bis heute gilt, dass wir bei jeder Entscheidung, die wir treffen, abwägen. Es gibt jedes Mal Aspekte, die dafür, und andere, die dagegen sprechen.
Haben Sie den Eindruck, dass Ihre Entscheidungen in den Gemeinden verstanden und mitgetragen werden?
Ich habe in Gesellschaft und Kirche gerade den Eindruck, dass die Bereitschaft nachlässt, Entscheidungen mitzutragen, die nicht voll und ganz den eigenen Wünschen entsprechen. Die gegenwärtige Krise verstärkt diese Tendenz noch. Die Entscheidungen sind nicht einfach, weil es nie möglich ist, allen Belangen gerecht zu werden. Die einen pochen auf das Recht auf freie Religionsausübung oder warnen vor Vereinsamung, die anderen warnen davor, Menschen in Gefahr zu bringen. Von beiden Seiten habe ich vor Weihnachten so viele Schreiben bekommen, dass ich damit Ordner füllen könnte. Ich wünsche mir, dass mehr Leute anerkennen, dass es den einen richtigen Weg nicht gibt. Sich zu entscheiden heißt nicht, die anderen Argumente zu verurteilen. Ich wünsche mir, dass man mir, aber auch den Politikern in der Corona-Krise zugesteht, in dieser Frage das Bestmögliche zu versuchen.
Klar ist, dass niemand alles richtig macht. Aber ich habe schon den Eindruck, dass die Verantwortungsträger gegenwärtig nicht aus Eigennutz handeln, sondern nach bestem Wissen und Gewissen. Ich wünsche mir, dass wir auch innerhalb der Kirche solidarisch bleiben, auch wenn nicht immer unsere persönlichen Wünsche verwirklicht werden.
Der Ton ist gegenwärtig sehr rau und teilweise unsachlich, nicht nur unter Katholiken, sondern in der gesamten Gesellschaft. Das gefährdet das Miteinander und es gefährdet auch die Demokratie. Wenn wir eine getroffene Entscheidung nur akzeptieren und mittragen, wenn sich die eigene Position darin voll und ganz wiederfindet, dann brauchen wir uns die Frage, ob wir künftig auf synodalem oder hierarchischem Wege zu unseren Entscheidungen finden wollen, doch gar nicht erst zu stellen. Da droht in Kirche und Gesellschaft gerade etwas aus den Fugen zu geraten.
Wie ist das kirchliche Handeln in der Öffentlichkeit und von den Politikern wahrgenommen worden? Auch im Erzbistum gab es ja einen kirchlichen „Hotspot“ in Stralsund. Welche Reaktionen haben sie erlebt?
In Stralsund hat die Pfarrei nach dem Ausbruch sehr gut mit dem Gesundheitsamt kooperiert. Da ist bei den Behörden und Politikern Vertrauen gewachsen. Es wurde deutlich, dass wir nicht ausschließen können, dass es bei unseren Versammlungen zu Infektionen kommt. Wenn es aber geschieht, reagieren wir besonnen und kooperativ. Wir sind als verlässlicher Partner in der Umsetzung von Präventivmaßnahmen und in der Reaktion auf akute Fälle wahrgenommen worden.
Ansonsten ist schon spürbar, dass wir Katholiken eine Minderheit sind. Vor Weihnachten war das Unverständnis groß, als Theater und Gaststätten, die viel in ihre Schutzmaßnahmen investiert hatten, schließen mussten, Kirchen aber für den Gottesdienst offenbleiben durften. Ich kann diesen Unmut gut nachvollziehen. Andererseits steht Religion und ihre Ausübung unter besonderem rechtlich garantierten Schutz. Es gibt in unseren Reihen auch Stimmen, die das Recht auf Religionsausübung viel zu wenig geschützt sehen. Jede Position hat ihre Berechtigung. Die Pandemie ist eine Gefahrenlage, ähnlich wie Terror oder Krieg. Jeder könnte nachvollziehen, dass man nicht an einer geplanten Prozession festhält, wenn am fraglichen Ort ein Terroranschlag angekündigt wäre. Es gilt stets abzuwägen zwischen den Freiheitsrechten und möglicherweise übergeordneten Interessen. Ich schätze das Engagement der Ehrenamtlichen sehr, die als Ordner die Hygiene-Konzepte durchgesetzt haben. Ich weiß auch, dass sie dafür manche Beschimpfungen hinnehmen müssen. Und dennoch muss man immer unter den aktuellen Bedingungen genau schauen, ob man die Gottesdienste angesichts hoher Infektionszahlen weiter feiern kann.
Mitten in der Pandemie fand die Weihe des Erzbistums an das Herz Jesu und die Gottesmutter statt. Ist es gelungen, Menschen mitzunehmen, die sich mit solchen Frömmigkeitsformen schwertun?
Der Erzbischof hat es ja auf Bitten einiger Gläubiger gemacht, als Ausdruck des Vertrauens, dass Gott uns nicht vergessen hat, dass er gerade in den Ängsten und Sorgen ein Herz für uns hat. Damit wollten wir unter anderem Äußerungen entgegentreten, die Corona als eine Strafe Gottes bezeichnen. Wir wollten den Blick auch auf Maria richten, die ihren toten Sohn im Schoß hält und doch auf die Zukunft vertraut. Als besonderes Zeichen hatten wir die Pietà aus der Krypta der Hedwigs-Kathedrale dabei. Einige Menschen sagten mir: Bisher war mir diese Form fremd, die Art und Weise, wie ihr darüber gesprochen habt, hat sie mir nähergebracht. Aber ich weiß nicht, wie viele Menschen so denken. Wir haben das nicht evaluiert.
Im Corona-Gebet des Erzbistums beten Sie auch darum, trotz allen Zweifels nicht zu verzweifeln. Wie ging es Ihnen selbst als Glaubender in der Corona-Zeit?
Mir ist folgender Gedanke schon lange wichtig: Wenn ich Angst habe, zweifle, mich sorge, ist das durchaus vereinbar mit meinem Glauben. Zweifeln gehört zum Menschsein. An einem Krankenbett in Berlin sagte mir ein Mann: „Ich war nie gläubig, ich will auch mit Gott nichts zu tun haben.“ Ich habe ihn gefragt, ob er an dieser Überzeugung auch manchmal zweifle, so wie ich zuweilen an meinem Glauben an Gott zweifle. Ja, hat er eingeräumt, manchmal erlebe er Menschen, die ihn tatsächlich an der Nicht-Existenz Gottes zweifeln ließen. „Dann treffen wir uns im Zweifel“, entgegnete ich. Die Pietà habe ich auch als Zweifelnder immer vor Augen. In den Folgen von Corona wird uns noch mancher Zweifel überfallen. Schon jetzt befinden sich viele am Rande der Verzweiflung. Wir können die Blicke auf Maria richten. Sie hatte ihr ganzes Leben lang Grund zum Zweifel, doch sie ist nie verzweifelt. Ich denke, nicht zu verzweifeln ist das größte Geschenk, um das wir Gott bitten können.