Mit dem Kreuz durch Kreuzberg

Foto: Philipp Ploog

Der Bußgang Berliner Katholiken hat eine lange Tradition. „24 Stunden für Gott“ sind eine Anregung des jetzigen Papstes. Beides wird in Berlin jetzt verbunden. Besonders die muttersprachlichen Gemeinden engagieren sich.

Durch die offene Tür der St.-Clemens-Kirche dringen litaneiartige Gebete auf den kleinen Innenhof: „Durch dein heiliges Leiden und Sterben hab Erbarmen mit uns und mit der ganzen Welt“, wird in vielfältigen Dialekten gebetet. Es ist „Stunde der Barmherzigkeit“ – eine Gebetszeit zur Todesstunde Jesu, mit der die „24 Stunden für Gott“ in St. Clemens zu Ende gehen.

„24 Stunden für Gott“ und Bußgang verbunden

Vor dem in der Kirche ausgesetzten Allerheiligsten knieen Asiaten und Polen, Italiener, Portugiesen,
Afrikaner ... Sie gehören zu den 16 muttersprachlichen Gemeinden in der Stadt. Jeder vierte Katholik
hat hier einen Migrationshintergrund. Seit dem Vorabend haben verschiedene Gruppen die Anbetungsstunden gestaltet.

„24 Stunden für Gott“ geht auf Papst Franziskus zurück. Wenigstens eine Kirche in jedem Bistum soll in der Fastenzeit einen ganzen Tag zum Beten geöffnet sein. Die Berliner haben diese recht junge Aktion mit einer alten Bistumstradition verbunden, dem Bußgang Berliner Katholiken, dessen Ursprünge als Bußgang der Männer in die Nachkriegszeit zurückreichen. „Die Teilnahme hatte in den letzten Jahren ein wenig geschwächelt“, sagt Organisator Christoph Kießig vom Seelsorge-Dezernat des Ordinariates. Die muttersprachlichen Gemeinden waren bereit, sich hier mehr zu engagieren. Auf 800 bis 1000 Katholiken schätzt Kießig jetzt die Teilnehmerzahl.

Prozession erregt Aufmerksamkeit

So versammeln sich hunderte Katholiken nach Abschluss der „24 Stunden für Gott“ in der St.-Clemens-
Kirche zur ersten Statio des Bußgangs. Dompropst Tobias Przytarski hält die Betrachtung und spricht über den verletzlichen Gott. Er liebt die Menschen, die ihn mit ihrer Untreue verletzen können. Gott aber kann in
seiner Barmherzigkeit diese Untreue heilen. Der Christ muss sich deshalb fragen: „Wie sieht es mit
meiner Barmherzigkeit aus?“

Dann setzt sich die Prozession in Bewegung. Männer tragen das rund fünf Meter große Kreuz voraus, dann folgt ein Spruchband „Bußgang Berliner Katholiken“. Der Weg wird in Stille und im Gebet gegangen. „Es ist keine Demonstration“, sagt Kießig. Dank Polizeibegleitung erregt der Zug trotzdem Aufmerksamkeit. „Was ist denn das?“, fragen Gäste in einem Straßencafé. Mit Katholiken können sie noch etwas anfangen. Aber was ist Bußgang? Darüberwerden sie noch eine Weile diskutieren. Gefährlich scheint es aber nicht zu sein. „Die Menge war ja überschaubar“, sagt einer. Für den Bußgang gibt es keine festgelegte Route.

„Wir versuchen auch auf aktuelle Ereignisse einzugehen, im vergangenen Jahr war zum Beispiel die Dominikanerkirche St. Paulus mit der Heiligen Pforte dabei.“ Diesmal führt der Weg über St. Bonifatius zur St.-Johannes-Baslilika. Hier feiert Erzbischof Heiner Koch mit den Teilnehmern zum Abschluss die heilige Messe. Christen seien Menschen, die dafür stehen, dass es mehr gibt, als man erforschen und begreifen kann. „Das wollen wir bezeugen, wenn wir durch die Straßen ziehen. Christen sind Menschen des weiten Blicks und des großen Horizonts.“ Das gebe ihnen die Kraft für ein Engagement in der Welt. Die Fastenzeit sei eine gute Gelegenheit dazu aufzubrechen.