Die Heilig-Jahr-Hymne, Wanderstöcke und der volle Mond am Himmel – eine Gruppe Männer pilgerte durch die brandenburgische Nacht. Mit dabei: Ihre Sorgen und Ängste, besonders aber ganz viel Hoffnung und Gemeinschaft.
Freitagabend, 22 Uhr: Die Straßen von Birkenwerder sind fast verlassen, die Berufstätigen bereits zu Hause, die Nachtschwärmer noch nicht auf dem Weg ins nahe Berlin. In der evangelischen Kirche brennt noch Licht. 19 Männer haben sich versammelt. Rucksäcke und Wanderstöcke stehen in den Kirchenbänken, Polyesterhosen rascheln. Die Männer halten eine kleine Andacht, sie singen und beten. Sie erbitten Gottes Segen, dann brechen sie auf, steuern in der Dunkelheit der Nacht das Waldstück am nördlichen Ortsrand an, überqueren den Berliner Ring. Noch einmal erhellt das grelle Licht eines Autoscheinwerfers ihren Weg, dann werden sie endgültig vom tiefen Schwarz des Waldes verschluckt. Sie verzichten auf Taschenlampen, das Licht des vollen Mondes genügt. Der Refrain der eben gesungenen Heilig-Jahr-Hymne hallt in ihren Ohren nach: „Licht des Lebens, Flamme unsrer Hoffnung. Voll Vertrauen gehen wir mit dir.“
Was macht uns Angst?
Seit einigen Jahre lädt ein Männerkreis aus der Pfarrei Heilige Familie in Lichterfelde am Freitag vor dem Palmsonntag zum Nachtpilgern ein. Sie nennen sich die „Heiligen Männer“, angelehnt an das Patrozinium ihrer Gemeinde. Dieses Jahr geht es von Birkenwerder durch die ausgedehnten Waldgebiete nördlich von Berlin bis nach Bernau – 27 Kilometer ist die Strecke lang. Und dabei ist manches anders als in den Vorjahren: Ostern ist später, das Wetter gut. Lebhaft erinnern sich einige an das Nachtpilgern vor zwei Jahren, als die Temperatur auf 13 Grad unter null sank. In dieser Nacht bleibt sie deutlich im positiven Bereich. Außerdem ist heiliges Jahr und dessen Hymne begleitet durch die Dunkelheit. „Licht des Lebens, Flamme unsrer Hoffnung!“ – das Nachtpilgern steht unter diesem Motto: Hoffnung!
Doch nicht alles ist heute besser als früher und es ist besonders in diesem Jahr nicht einfach, die Hoffnung zu bewahren. Sorgen haben auch die Männer, die aus dem gut situierten Berliner Südwesten kommen. Sorgen, die zu Ängsten werden können. Als die Gruppe auf einen Waldweg einbiegt, der so schmal ist, dass alle im Gänsemarsch hintereinander her gehen müssen, kommt ein jeder ins Grübeln: „Auch Männer dürfen Angst haben! Was macht mir Angst?“ Später ist der Weg wieder breiter und ermöglicht einen Austausch über die eigenen Ängste. Ein Teilnehmer, der im Finanzministerium arbeitet und einige Jahre für die Bundesrepublik in den USA war, blickt sorgenvoll auf dortige Entwicklungen. Denn er sieht jeden Tag, wie eine unberechenbare US-Politik deutliche Schatten auf die Wirtschaft wirft und das Leben in Deutschland beeinträchtigen kann. Die amerikanische Kirche gibt ihm dabei kaum Grund zur Hoffnung, die Zerstrittenheit der Bischöfe sieht er als Spiegelbild der zerrissenen US-Gesellschaft. Und ein privater Besuch in Israel vor einigen Wochen brachte ihm den Krieg im Nahen Osten in aller Deutlichkeit vor Augen.
Doch nicht alle Sorgen liegen geografisch fern. Die meisten der Männer sind Väter erwachsenwerdender Kinder, Gedanken über deren Wohlergehen tragen sie immer bei sich. Und weil sie sich in ihren Kirchengemeinden verwurzelt fühlen, bereitet auch der Strukturprozess des Erzbistums Sorgen. Gemeinden werden zusammengelegt, Kirchen geschlossen, Haupt- und Ehrenamtliche werden weniger. Und die Bistumsleitung wird dabei selten als unterstützend wahrgenommen. Kann diese Kirche einen Glauben vermitteln, der Hoffnung nährt? Die zweite Strophe der Heilig-Jahr-Hymne kommt da in den Sinn: „Gott, du siehst uns, zärtlich und geduldig, und verheißt uns eine neue Zukunft.“
Was gibt uns Hoffnung?
Am Summter See kommt die Gruppe zur ersten Pause zusammen. Der volle Mond spiegelt sich im glatten Wasser und erhellt den Rastplatz. Frisch gestärkt wird Psalm 122, ein Wallfahrtslied, gelesen und, mit Blick auf die zuvor entdeckten Ängste, werden Fürbitten für den Pilger- und Lebensweg gebetet. Schweigend geht die Gruppe weiter durch den Wald, doch dieses Mal mit der Frage: „Was gibt uns Hoffnung?“ Ein wenig später tauschen sich die Männer darüber aus und sind sich einig: Besonders Gemeinschaft stärkt in schwierigen Zeiten.
Die Gemeinschaft dieser Nacht kann kurz darauf bereits gelebt werden. An einer Bundesstraße, die verlassen den Wald durchzieht, warten zwei der „Heiligen Männer“ mit einer Stärkung. Es gibt heißen Tee und Kaffee, Zimtschnecken, Brownies, Gummibärchen und anregende Gespräche. Einer der Gruppe, schon jenseits der 70, berichtet von seinem jährlichen Pilgerweg im Allgäu, zur Wieskirche, und kommt dabei über die einmalige Rokoko-Ausstattung ins Schwärmen. Das Gespräch schwenkt zurück nach Berlin, in die frisch renovierte Sankt Hedwigs-Kathedrale. Einem anderen älteren Pilger gefällt die neue Architektur, insbesondere der ebenerdige Altar, zwar nicht, aber doch findet er: Die Kathedrale solle ein Bau für die Kirche der Zukunft sein. Wenn es den jungen Menschen gefällt, dann sei das doch gut so.
Mit Gedanken an die Gespräche wird der Weg fortgesetzt, gemeinsam und doch immer mehr in Schweigen. Denn die Nacht wird kälter, die Wärme des Frühlingstages wirkt nun unendlich fern. Langsam kriecht die Erschöpfung des strammen Schrittes und die Müdigkeit der späten Stunde in die Glieder und in den Kopf. Die Route führt kerzengerade nach Osten, wo es langsam, fast unmerklich zu dämmern beginnt. In der Schönower Heide gibt es eine letzte Rast. Die Gruppe ist erschöpft und doch ungeduldig, freut sich auf ein Frühstück und ein wenig Schlaf. So geht es zügigen Schrittes weiter, denn alle zieht es ans Ziel. Am Ortsrand von Bernau bricht der neue Tag schließlich an, es wird schnell heller und wärmer. Es ist Palmsamstag. Die Karwoche, Ostern und der Frühling stehen vor der Tür. Die Dunkelheit weicht dem Licht, bald wird die Auferstehung über den Tod siegen und der Winter dem Sommer weichen. Der Nachtpilgerweg, von Angst und Hoffnung geprägt, neigt sich dem Ende. Und die innere Stimme singt die dritte Strophe der Heilig-Jahr-Hymne: „Hebt die Augen, lasst vom Geist euch führen raschen Schrittes: Ja, der Herr wird kommen! Blickt auf ihn, der für uns Mensch geworden. Eilt in Scharen unserm Gott entgegen.“