Ruck-Sakko und Socken-RockDie erste „Kiez-Tour mit Herz“ in Prenzlauer Berg zeigt: „Kleider machen Leute“

„In dieser Jacke stecken sechs Dachdeckerhosen.“ Jonathan

Was haben Mode und Kleidung mit Barmherzigkeit in Prenzlauer Berg zu tun? Die Teilnehmer der ersten „Kiez- Tour mit Herz“ fanden heraus: Eine ganze Menge. Denn hier machen sich Menschen stark für faire Mode.

Eine Tasche liegt auf dem Tisch, sie war einst der obere Teil einer Jeans. Auf einer Kleiderstange hängen altmodische Karo-Sakkos und an der Wand Rucksäcke, deren Rohstoff früher auf dieser Stange hing: Es sind Ruck-Sakkos. Im Caridoo-Laden der youngcaritas in der Pappelallee bekommen alte Klamotten ein zweites Leben. Um den Tisch sitzen oder stehen 15 Personen und lassen sich von Anja Bauer erklären, was hier passiert: Junge Berliner stellen im Projekt „vergissmeinnicht“ aus den alten Sachen etwas Neues her.

Fair muss nicht teurer sein als Markenprodukte

„Es geht um Mode und um Ehrenamt“, betont Bauer. Denn die Sachen werden verkauft – in diesem Sommer soll der Projektladen umgebaut werden und eine eigene Eingangstür bekommen, damit das noch besser klappt. Wer mitgearbeitet hat, darf abstimmen, an welches Caritas-Projekt die Erlöse gehen. Nach dreißig Minuten Erklären, Staunen, Nachfragen leitet Tour-Führerin Anne Langer über zum nächsten Projekt.

Sie stellt Enrico Rima vor. Seine Firma „Lebenskleidung“ verkauft Stoffe, die nach dem Global Organic Textile Standard zertifiziert sind. Das ist ein Standard für die Verarbeitung von Textilien aus biologisch erzeugten Naturfasern – und zwar nach ökologischen und sozialen Kriterien. Rima setzt sich dafür ein, dass sich die Verbraucher eher für faire Mode entscheiden – denn er hat sich mit den Produktionsbedingungen in ärmeren Ländern auseinandergesetzt. „In Indien nehmen sich deshalb jedes Jahr 12 500 Baumwollbauern das Leben“, sagt er. Ein faires T-Shirt müsse nicht teurer sein als sonst ein Marken- Shirt. „Wenn man allerdings von Discounter-Preisen ausgeht, sind faire Sachen bis zu vier Mal so teuer.“ Auch bei Discountern gebe es mittlerweile Kleidung aus Bio-Baumwolle, aber: „Da weißt du immer noch nicht, was beim Weben oder Nähen passiert ist.“

Kiez-Touren zeigen, wo Menschen ein Herz haben

Dann brechen die Teilnehmer zu einem Spaziergang durch den Kiez auf. Anne Langer fordert auf, unterwegs nach Hinweisen zu schauen, wo Menschen sich mit fairer Mode auseinandersetzen. Denn die Kiez-Touren wollen im Jahr der Barmherzigkeit Beispiele in Berlin zeigen, „wo Menschen ein Herz haben für die Menschen um uns herum“, hatte die Frauenbund- Mitarbeiterin zu Anfang erklärt. Und tatsächlich gibt es unterwegs einiges zu sehen, etwa ein weiteres Geschäft, das mit fairen Stoffen handelt.

Zwischendurch erzählt Teilnehmerin Beate Münster, warum sie dabei ist: „Das ist einfach mein Thema. Ich finde mehrere der Kiez-Touren interessant, aber bei dieser wollte ich unbedingt dabei sein.“ Sie sei selbst jemand, der Sachen repariert oder herstellt. „Mein Rock ist aus drei Hosen genäht“, sagt sie. Das Ziel des Spaziergangs kennt sie: den Laden „Upcycling Fashion Berlin“ in der Anklamer Straße. „Dort habe ich schon öfter hineingeschaut.“

Den Laden leitet Jonathan Leupert. Er zeigt Röcke aus Socken, eine Jacke aus Dachdeckerhosen, ein Hemd aus Bettwäsche: „Geht beim Waschen garantiert nicht ein.“ Auch dieser Unternehmer will ein Bewusstsein für Produktionsbedingungen schaffen.

Mit einem Verein und Sponsoren produzierte er vor zwei Jahren einen Film, der viral ging: Sie stellten einen T-Shirt-Automaten vor einen Billig-Laden am Alexanderplatz. Der zeigte überraschten Käufern eines Zwei-Euro-Shirts ein Video über das Schicksal einer Näherin. Am Ende stand die Frage, ob man das Geld nicht lieber spenden wolle. Was der Film nicht zeigte, verrät Leupert: „Viel mehr Menschen als gedacht haben das T-Shirt gekauft.“ Aufhören aufzuklären will er dennoch nicht.