Es ist das gleiche Motto wie beim Katholikentag, nur auf Latein: Ecce homo – sieh da, der Mensch. Darum, wer Mensch ist, was Menschen ausmacht und was Menschen alles machen, geht es in den Werken, die 31 Künstler in der Kirche St. Canisius ausstellen. Nicht alles ist schön.
„Ich mag das Bild. Wenn man nah herangeht, hat es so eine Tiefe, diese Augen ...“ Eine Frau steht vor der weißen Wand, an der seit kurzem ein Bild hängt, und schwärmt. Das Gemälde zeigt eine dunkelhäutige Frau in weißem T-Shirt. Der dänische Künstler Per Adolfsen habe sie gemalt in Anlehnung an das berühmte „Mädchen mit dem Perlenohrring“ von Jan Vermeer van Delft, erklärt der Kurator der Ausstellungsreihe „Sein. Antlitz. Körper“, Alexander Ochs. Es ist eine der wenigen Erklärungen, die er gibt. Meistens stellt er, wenn überhaupt, Fragen. Gemeinsam mit Künstlerseelsorger Pater Georg Maria Roers SJ hat Ochs die geräumige und normal sehr schmucklose Kirche ausgewählt, die ihn fragen lässt: „Wo ist hier der Mensch?“
„Warum zerreißt ein über siebzigjähriger israelischer Künstler Kartons?“, fragt Ochs und bezieht sich auf das Werk, das neben der dunklen Frau hängt. „Sie werden zur Kreuzform. Ist das beabsichtigt?“ Dann weist er auf rote Flecken hin, die als Stigmata gedeutet werden könnten, auf den Davidsstern, auf eine Textstelle der Thora – die ebenfalls nicht weiter erklärt wird. „Vermittlung ja, aber keine einfache“, ist sein Motto.
Fragen stellt auch Pater Joachim Gimbler SJ in seiner Predigt im Hochamt zu Christi Himmelfahrt, das der Vernissage vorausging. Der Jesuit und Gemeindepfarrer von St. Canisius kommt immer wieder auf die Frage „Was ist der Mensch?“ zurück. Er geht auf die Ausstellungsstücke ein, die auf diese Frage hin ausgesucht seien: Manches sei gefällig und sympathisch, anderes verstörend und provozierend. Sein Schluss: „Gottes Ja zu allen Menschen kann durch nichts und niemanden mehr genommen werden.“
„Vermittlung ja, aber keine einfache“
Verstörend und provozierend sind zum einen Bilder, die an der Rückseite der Altarwand aufgehängt wurden: „Bilder, die für Kinder nicht immer geeignet sind“, sagt Kurator Ochs in seiner Ansprache. Sie handelten von menschlichen Abgründen, Sexualität, Gequältsein, Lust.
Die größte Provokation dürfte für Gemeindemitglieder aber in der Marienkapelle zu finden sein: Zwei Köpfe aus Wachs, wie abgeschlagen, ein jüngerer und ein älterer Mann, hängen in einem Netz – Künstler ist der Israeli Gil Sachar. Der Ort: eine Nische des Raumes mit der Madonna, in den sich viele zum stillen Gebet zurückziehen.
„Mich schockt das“, sagte Marianne Krüger. Die Charlottenburgerin kommt öfter in die Marienkapelle. „Wenn ich jetzt hereinkomme, merke ich, dass es mir nicht behagt – mir wird fast übel“, ergänzte sie. Für Gabriele Elmendorf wurde der Raum durch die Köpfe fast zu einem „Gruselkabinett“, und sie dachte an die Gemeindemitglieder, „denen der vertraute Ort genommen wird“. Sie fand: „Zumindest ein paar Worte dazu wären nicht schlecht.“ Anders sah es Julia Maier, der die Arbeit besonders gut gefällt: „Sie wirkt sehr körperlich.“ Aber sie findet auch: „Es ist okay zu sagen: Ich mag das nicht.“
„Ich setze das als Kunst der Öffentlichkeit aus“
Er habe mit dieser Ausstellung Platz gemacht für die Dinge, die da kommen, sagte Pater Gimbler auf die Frage, wie er als Gemeindepfarrer die Situation sehe und fragte: Was ist denn ein Kreuz? „Ein Folterwerkzeug, an dem Menschen verblutet sind. Es ist für uns normal geworden.“ Auch für Kinder würde er die Räume mit den verstörenden Kunstwerken nicht sperren, denn Kinder reagierten oft anders als man denke – etwa mit offenen Fragen nach dem Kreuz. Für den Zeitraum der Ausstellung müsse die Gemeinde die Köpfe aushalten: „Ich setze das als Kunst der Öffentlichkeit aus.“
Hintergrund
„Ecce homo? Ecce homo!“ ist bereits die dritte Ausstellung der Reihe „Sein. Antlitz. Körper“. Sie ist bis zum 29. Juni in der Kirche St. Canisius, Witzlebenstraße 30 in Berlin-Charlottenburg, zu sehen. Geöffnet ist sie jeweils sonntags bis freitags von 12 bis 18 Uhr. Eine weitere Ausstellung mit dem Titel „Die Kunst ist schon in der Kirche. Über Readymades“ wird am 15. Mai in St. Michael, Michaelkirchplatz 15 in Berlin- Mitte, eröffnet. Dort zeigen die Indonesierin Arahmaiani Feisal, der Vietnamese Bui Cong Khanh sowie die in Berlin lebende Hannah Hallermann Werke, die sich mit islamischer, christlicher und buddhistischer Ikonografie befassen. Diese Ausstellung ist bis zum 6. August dienstags bis sonntags von 12 bis 18 Uhr zu sehen. Infos zur Ausstellungsreihe:<link http: www.erzbistumberlin.de sein-antlitz-koerper.de _blank> sein-antlitz-koerper.de/