Starke Partner: Peer-BeraterÖkumenisches interkulturelles Modellprojekt für Jugendliche beginnt am Gedenkzentrum Plötzensee

Teilnehmerinnen des Modellprojekts „Und was geht mich das an?“ zeigen ihre Aktivitäten im Gedenkzentrum Plötzensee Foto: Walter Plümpe

Was kann Gedenkarbeit leisten, um junge Menschen mit unterschiedlichen Religionen und Lebenserfahrungen zu Urteilsvermögen, Empathie und Zivilcourage zu befähigen? Darauf hat das neue ökumenische Modellprojekt am Gedenkzentrum Plötzensee (ÖGZ) eine Antwort.

„Und was geht mich das an? Aktiv erinnern – Zukunft gemeinsam gestalten“, ist der Name des neuen interkulturellen Projekts, das vom Erzbistum Berlin, dem Evangelischen Kirchenkreis Charlottenburg- Wilmersdorf und dem ÖGZ getragen wird. Für Pfarrer Lutz Nehk, Beauftragter für Gedenkarbeit im Erzbistum, ist es wichtig, die „ökumenische Erinnerungskultur mitzutragen“. Nur so könnten Fragen zur Zukunft im Blick auf die Vergangenheit bewältigt werden. Zusammen mit Pastoralreferent Andreas Komischke setzt er sich dafür ein, regelmäßige und pädagogisch geleitete Treffen zwischen Berliner Jugendlichen und jungen Flüchtlingen zu fördern. Das ermöglicht ihnen, trotz unterschiedlicher sozialer Hintergründe gemeinsame Interessen und Wünsche zu finden und zu erproben.

Marion Wettach, Projektleiterin und Leiterin der Jugendeinrichtung „Café Nightflight“ erklärt: „Die Idee einer interkulturellen und interreligiösen Erinnerungskultur verbindet zwei Pole: die Erinnerung an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus und die Herausforderungen einer multikulturellen und multireligiösen Stadtkultur.“ Eine lebendige Erinnerungskultur könne entstehen, wenn Jugendliche ihre eigenen Erfahrungen aus anderen Gesellschaften und historischen Kontexten ins Gespräch bringen. Das geschehe bei der Arbeit mit Biografien, Führungen durch die Gedenkstätte und die Kirche Maria Regina Martyrum. Ferner gehören für sie dazu: Begegnungsfeste, Basteln, Fußballturniere, Nachhilfe für Flüchtlinge, Kindertanz, Breakdance-Training und niederschwellige Begegnungen in der Erlebnispädagogik.

Habe ich die Hungernden gesättigt?

Kennzeichnend für ihr Engagement ist ein Zitat von Mutter Maria Skobtsova (1991 – 1945), die sich während der NS-Zeit für sozial Ausgegrenzte eingesetzt hat und im März 1945 im Konzentrationslager Ravensbrück ermordet wurde: „Jeder Mensch ist die wirkliche Ikone des menschgewordenen Gottes. Beim Jüngsten Gericht werde ich nicht gefragt werden, ob ich in meinen asketischen Übungen erfolgreich war, auch nicht, wie oft ich mich verbeugt oder hingeworfen habe. Ich werde gefragt werden, ob ich die Hungernden gesättigt, die Nackten bekleidet, die Kranken und Gefangenen besucht habe.“ Als Baustein eines Workshops „Christliche Glaubenszeugnisse aus dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus“ wurden diese Gedanken von Jugendlichen im ÖGZ dokumentiert.

Ein Schatz von Wissen und Know-How

Für Marion Wettach sind die mehr als 5 000 Flüchtlinge – davon ist die Hälfte jünger als 27 Jahre – ein Schatz von Wissen und Know-How. „Das brauchen wir dringend, wenn wir die Integration von geflüchteten Kindern und Jugendlichen voranbringen wollen.“ Junge Flüchtlinge und Berliner Jugendliche mit Fluchterfahrung sieht sie als starke Partner. Darum vermittelt sie gern „Peer-Berater“ (Peer-Beratung bezeichnet die Beratung durch gleichartige Menschen), aber auch Kontakte zu Jugendgruppen und Schulen, besonders zu Willkommensklassen. Jugendliche gewinnen so weitere Brückenbauer für Demokratie und politische Mitbestimmung, für soziales und politisches Engagement. Angelegt ist das Projekt auf drei Jahre.

Das ÖGZ in der Nähe der staatlichen Gedenkstätte Plötzensee, die an eine zentrale Hinrichtungsstätte der Nationalsozialisten erinnert, ist eine kirchliche Einrichtung. Neben Ausstellungen, Seminaren Konzerten und Gottesdiensten gibt es eine Bibliothek mit Archiv über den NS-Widerstand.