Stationäres Beten

Bereits vor Beginn werden die Besucher in der Kapelle des St.-Gertrauden-Krankenhauses willkommen geheißen.

Im Berliner St.-Gertrauden-Krankenhaus gibt es nicht nur die klassischen Krankenstationen. Die Charismatische Erneuerung lädt hier auch regelmäßig zur Praystation ein.

Der Höhepunkt der Praystation – zu Deutsch Gebetsstation – ist, um es einfach mal vorweg zu nehmen, sicherlich das persönliche Segnungsgebet. Wie immer man zu diesem, in vielen charismatischen Gemeinden gebräuchlichen, Handauflegen im Altarraum auch stehen mag, so gibt es doch nicht wenige, die das persönliche Gebet von meist zwei ausgesuchten anderen Menschen für einen selbst tief berührt. Manchen laufen die Tränen, so als könne Verhärtetes sich endlich lösen. Andere fühlen sich hinterher irgendwie schwummrig, manche gestärkt, wieder andere zumindest für ein paar Minuten wunderbar umsorgt. „Ja, das Gebet um Heilung ist irgendwie schon das Wichtigste“, sagt Pater Adrian Kunert, der 2011 die Praystation ins Leben gerufen hat. „Ich möchte, dass die Menschen in eine persönliche Beziehung mit Gott kommen“, sagt er.

Auf jeden Fall hat Pater Kunert in der Kapelle des St.-Gertrauden- Krankenhauses etwas recht Einzigartiges geschaffen. So ungewöhnlich wie sein Angebot und der Veranstaltungsort sind, so ungewöhnlich ist auch der Jesuit selbst. Von seiner Erscheinung erinnert der Priester ein wenig an Meat Loaf, jenen beleibtem US-amerikanischen Sänger, der in den 70er Jahren mit der Rocky Horror Picture Show zu Weltruhm gelang. Kunert legt sich bei allem, was er macht, mächtig ins Zeug. Schon beim Aufbau und Soundcheck ist sein T-Shirt nassgeschwitzt. Obwohl er inzwischen 51 ist, zählt er unter den Ordensleuten noch zu den Jungen, zu den Wilden, könnte man sagen. Vor drei Jahren wurde der Jesuit zum Priestersprecher der Charismatischen Erneuerung (CE) in Berlin gewählt. Kunert ist Nachfolger von Pfarrer Ulrich Kotzur, der inzwischen mit seiner Aufgabe als Jugendseelsorger ausgelastet ist. Während Kotzur eher auf „Nighfever“ – das sind nächtliche Andachten vor dem Allerheiligsten – setzt, ist Kunerts Ansatz „etwas ökumenischer“, wie er sagt. Vor allem aber ist die Praystation „fetziger, rockiger“.

Besucher werden zuerst von Musik und dann vom Geist umfangen

Wer zur Praystation kommt, den erwarten fast zwei Stunden neue geistliche Musik. Gitarren, E-Bass, E-Piano und Kasten- Holztrommel begleiten den Gesang. Gespielt „werden einfache Griffe, so dass nicht lange geprobt werden muss“, sagt Kunert. Damit auch Neulinge rasch mitsingen können, sind die meisten Lieder sehr eingängig – ähnlich wie in Taizé, nur moderner. Mit der Musik möchte Kunert, die Leute für geistliche Erfahrungen „aufschließen“. Zumindest für die Stammgäste scheint das Konzept zu funktionieren. In der Praystation wird der Mensch regelrecht ummantelt – erst von der Musik, dann vom Gebet.

Zudem ist die charismatische Gemeinschaft ungeheuer gastfreundlich. Nach der Praystation ist jeder Gottesdienstbesucher herzlich eingeladen, mit den Anderen im Pavillon der Schwesterngemeinschaft im großen Garten des Krankenhauses noch eine Weile zusammenzusitzen. Man plaudert und redet, trinkt Tee oder Kaffee, wer mag ein Glas Wein. Gegessen wird, was mitgebracht wird. Manchmal eine Suppe, manchmal nur Knabbereien oder ein Stück Kuchen. Im Sommer, ab dem Pfingstwochenende, wird gegrillt, sagt Kunert und die Vorfreude darauf sieht man dem Priester durchaus an.

Die Praystation findet einmal im Monat statt. Oft kommen zwischen 25 und 40 Leuten. Meist Menschen, die man schon auf anderen Veranstaltungen der CE gesehen hat, etwa bei den Gottesdiensten im Wedding, bei der Anbetung in der Johannes-Basilika oder den Exerzitien in St. Clemens.

Ins Leben gerufen hat Kunert die Praystation recht bald, nachdem er von seinem Orden als Seelsorger ins Krankenhaus entsandt wurde. Schnell bemerkte der Jesuit, dass die dortige Kapelle für seine Pläne den optimalen Raum und Rahmen bot. Der Andachtsraum in St. Gertrauden ist gut schallisoliert. Auch müssen die Besucher nicht lange suchen. Die Kapelle ist gleich rechts neben dem Krankenhauseingang.

Die Idee zur Praystation kam Kunert bereits in Wien, wo er von 2000 bis 2006 Kaplan war und mit Jugendlichen einen Singkreis sowie eine Rockband gegründet hatte. Obwohl Mitglieder der CE bei den Jesuiten eher die Ausnahme sind, meint Kunert: „Ich finde schon, dass die Spiritualität eigentlich gut zusammen passt. Das Singen, das Charismatische öffnet die Leute, und die stillen Elemente, die Exerzitien führen eher in die Tiefe.“ Genau das kann, wer mag, zumindest ein wenig bei der Praystation erleben.