Weihbischof Matthias Heinrich hat erstmals im Krankenhaus des Maßregelvollzugs in Berlin zwei Gefangene gefirmt. Er war von den Firmlingen beeindruckt.
Zunächst getauft und ungetauft, anschließend gefirmt und gefirmt nach zuvor erfolgter Taufe, obendrauf den Segen des Weihbischofs Matthias Heinrich für ihre Verlobung. So lässt sich der kirchliche Status eines speziellen Paares zusammenfassen. Es lebt hinter dicken Mauern mit überspanntem Stacheldraht. Beide sind Insassen des Krankenhauses des Maßregelvollzugs (KMV) in Berlin-Wittenau. Beide, Mann wie Frau, sind dort wegen Tötungsdelikten infolge psychischer Erkrankungen untergebracht. Ob sie jemals wieder in Freiheit leben dürfen, steht offen, sagt Diakon und Krankenhausseelsorger Wolfgang Kamp, der die beiden auf ihren Festtag vorbereitete und Weihbischof Heinrich für die Firmungen gewinnen konnte.
Der Weibischof habe sich vorher bewusst nicht nach den Straftaten des Paares erkundigt, das sich in der Klinik kennenund liebengelernt hat. „Mir ist es wichtig, das nicht in die Firmung mit reinzunehmen. Das müssen die beiden selbst tun“, erklärt Heinrich. Die Umkehr zum Glauben sei ja ein wichtiger Bestandteil vor dem Empfang des Sakraments. Damit sei alles andere nachrangig, stellt der Geistliche klar, für den die Umgebung eine Premiere war.
Zwei Pfingstrosen auf dem Altar, eine elektrische Kerze – offenes Feuer ist in der Klinik nicht erlaubt, erklärt Kamp. Für den Weihbischof war die Atmosphäre zwar sehr gut, die Feierlichkeit hat in dem Raum der Klinik jedoch gelitten. Es gibt auf dem freien Teil des 45 Hektar großen Geländes zwar eine Kirche, doch war den beiden Firmlingen aus Sicherheitsgründen der Zugang zu dieser verwehrt. Das Gotteshaus ist benannt nach dem Theologen und Widerstandskämpfer während der NS-Zeit Dietrich Bonhoeffer, da die Klinik bis 2001 nach dessen Bruder Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik benannt war.
Überschaubare Gemeinde
Neben den beiden Firmlingen, dem Weihbischof, dessen Fahrer, dem Diakon und einem Sozialarbeiter war auch die Sängerin Kim Seligsohn bei der Feier anwesend. Mit ihrem Gesang trug sie zur feierlichen Atmosphäre bei.
Die Sängerin selbst hat sich erst mit 45 Jahren taufen lassen und hat im Untersuchungsgefängnis Moabit einen Chor mit Insassen aufgebaut und im KMV Weihnachtsfeiern mitgestaltet. Sie hatte einen psychisch kranken Bruder und fühlt sich im Sinne von Papst Franziskus den Menschen an den Rändern verbunden.
Nach der Feier betonte Weihbischof Heinrich: „Die Firmlinge waren sehr intensiv eingestellt auf den Empfang des Sakraments.“ Er habe ihren tiefen Wunsch gespürt, sich darauf einzulassen. Das beweise einmal mehr, dass die Sakramente auch oder gerade für Patienten des Maßregelvollzugs wichtig seien. Ihnen sei „mit Recht“ vieles vorenthalten. Aber: „Was die Kirche angeht, sollen sie sehen, dass wir sie voll akzeptieren. Wir werden nichts vom Tisch wischen. Ihnen werden aber auch keine weiteren Hindernisse in den Weg gelegt.“
Es müsse einen Neuanfang geben. Man müsse ihnen sagen: Ihr seid von Gott geliebt und aufgefordert, das weiterzugeben, was man selbst als religiöser Mensch erlebt. „Ich muss aber auch die Menschen im Blick behalten, denen Gewalt angetan wurde“, gibt Heinrich zu bedenken.
Diakon Kamp kennt die Motive von Frau und Mann, sich firmen zu lassen: „Sie empfinden eine persönliche Schuld und Einsicht in das, was sie getan haben. Sie haben um innere Ruhe und Versöhnung gekämpft und haben in ihrem Glauben Trost und Barmherzigkeit erfahren. Sie beten regelmäßig gemeinsam in der Anstalt und lesen die Bibel. Das hilft beiden, stabiler zu werden und ihre Tat zu verarbeiten.“ Die Gefirmten sind auf unterschiedlichen Stationen untergebracht, begegnen sich aber in Freistunden auf dem Hof.
Neugier, eigene Gebete und ein Versprechen
Diakon Kamp, der im Untersuchungsgefängnis Moabit arbeitete, bevor er nach Wittenau wechselte, hat in einem knappen Jahr drei Anfragen für Firmungen erhalten. Er beobachtet die Auswirkung auf andere Patienten. Sie seien neugierig und aufgeschlossen, suchen auch mit dem Seelsorger das gemeinsame Gebet. Manche schreiben sogar eigene Gebete. „Allerdings berichten die Gefirmten, dass sie auch als Sonderlinge auf der Station gelten“, räumt Kamp ein Bei den Verlobten sei ihm aufgefallen, dass ihnen die Firmung helfe, die Gefangenschaft besser zu ertragen. Sie hätten sich auf die Firmung gefreut wie Kinder auf ihre Erstkommunion.
Die Firmlinge durften als Geschenk die zwei Pfingstrosen und ein Versprechen mitnehmen. Weihbischof Heinrich hat den Firmlingen zugesagt, dass er mit ihnen, sobald sie die gerichtliche Erlaubnis erhalten, eine heilige Messe in der Dietrich Bonhoeffer-Kirche feiern wird – außerhalb von Mauern und Stacheldraht.