Um Krieg, Flucht, Vertreibung und damit verbundene Traumata ging es bei einem Vortrag im Stralsunder Seniorenzentrum St. Josef. Die Psychologin Jana Michael berichtete nicht nur aus beruflicher, sondern auch aus persönlicher Perspektive.
Als ihr Opa wieder an die Schale mit eiskaltem Wasser ging und sich das Gesicht wusch, musste sie als Kind immer lachen, erzählte Jana Michael. „Wir dachten: Unser Opa ist wie eine Ente.“ Erst viel später begriff die gebürtige Tschechin, was es mit dem Verhalten ihres Großvaters auf sich hatte. In diesen Momenten waren die schlimmen Erinnerungen an den Krieg wieder hochgekommen. Wie seine Familie von den Nazis verfolgt, verschleppt, sogar erschossen wurde. „Er hat nie mehr gesprochen, nicht ein einziges Wort, sondern nur noch mit den Händen kommuniziert.“
Obwohl sie erst 33 Jahre nach Kriegsende geboren ist, haben die Erinnerungen ihrer Familie an Krieg, Flucht und Vertreibung ihr Leben geprägt. Wie, das hat sie bei einem Vortrag in der Kapelle des Stralsunder Caritas-Seniorenheims St. Josef beschrieben. „In meiner Familie herrschte eine große Distanziertheit und Kühle meinen Geschwistern und mir gegenüber.“ Um eine Erklärung zu finden, studierte sie Psychologie. „Durch die Erlebnisse fiel es vielen Eltern schwer, eine sichere, gesunde Bindung zu ihren Kindern einzugehen“, hat Jana Michael festgestellt. „Entweder wurden die Kinder überbehütet oder völlig distanziert behandelt.“ Die Schilderungen der anwesenden Gäste in St. Josef an diesem Nachmittag hätten sie in ihren Beobachtungen bestätigt.
Nachdem sie nach Deutschland gekommen war, hat sie eine Besonderheit festgestellt. „Die Deutschen galten immer nur als Täter, die anderen nur als Opfer. Als Opfer konnte man eher über die Verbrechen, das erlittene Unrecht sprechen“, sagte Jana Michael. Erst mit Beginn der 2000er Jahre sei auch die Perspektive der geschädigten Deutschen zunehmend als legitim angesehen worden. Sie selbst habe großes Mitleid mit den Opfern der großflächigen Bombardements, mit den vergewaltigten Frauen, den Angehörigen der nie zurückgekehrten Kriegsgefangenen.
„Den Menschen vergeben kann nur Gott“
Die Gedanken auf Versöhnung auszurichten, sei aber bis heute nicht jedem gelungen, wie Jana Michael selbst erfahren hat. „In meiner Familie gibt es wenig Platz für Mitleid. Da heißt es: ‚Das haben sie verdient, sie sind die Täter und haben doch angefangen.‘“ Ihr älterer Bruder habe nie verstanden, wie sie einen Deutschen heiraten konnte – und brach den Kontakt ab, bis heute.
Dabei helfen, mit der Vergangenheit Frieden zu schließen, könne – gerade auch bei religiösen Menschen – der Glaube, weiß die Katholikin. „In der Tschechoslowakei hatte ich einen engen Draht zu unserem Priester. Als ich ihm erzählte, dass ich Psychologie studieren wolle, sagte er mir: ‚Das kannst du machen. Aber bedenke: Den Menschen vergeben kann nur Gott.‘“ Der Priester habe Recht behalten, ist sich die Psychologin nach 20 Berufsjahren sicher. „Die Menschen, die zu mir kommen, wollen letztlich Vergebung, die ich jedoch gar nicht geben kann.“ Das sei einer der Vorzüge der Beichte, bei der Gott auch die schlimmen Taten vergebe.
Mit den Bewohnern des St. Josef-Heims ins Gespräch zu kommen, beschreibt Jana Michael als beeindruckende Erfahrung – auch wegen der besonderen Atmosphäre. „Am Anfang waren die ersten Reihen noch frei. Am Ende saßen alle vorn“ – vielleicht auch wegen der Herangehensweise, für die sich die Psychologin entschieden hatte: „Man kann sich der absoluten Verzweiflung hingeben – oder selbst den schlimmsten Dingen mit Humor begegnen. Deshalb sind wir die Veranstaltung positiv und zuversichtlich angegangen. So haben wir – trotz des Themas – auch viel gelacht.“