Von 230 auf 50 Kilogramm

Tobias Quast erklärt, was nachhaltig ist und was nicht. Foto: Almut Lüder

Die Deutschen verursachen zu viel Müll. Um dafür zu sensibilisieren, fand in Berlin eine Kieztour zur Nachhaltigkeit statt. Die Teilnehmer erfuhren, wie man den Alltag umweltverträglicher gestalten kann.

„Ich weiß nicht, was Sie meinen. Wir trinken nur Leitungswasser“, stellt eine Zuhörerin bei der „Kieztour mit Herz“ zum Thema „Nachhaltig leben“ klar. Sie produziere also in diesem Bereich des Alltags keine Verpackung, verbrauche für den Einkauf kein Benzin und verursache keinen Müll. Sie war damit ein gutes Beispiel für Tobias Quast, der als Referent während der Tour erläuterte, wie man Müll vermeiden und nachhaltig leben könne. Er ist Spezialist für Abfall- und Ressourcenpolitik beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

Berlins hochgesteckte Umweltziele

Berlin hat sich auf die Fahnen geschrieben, „Zero Waste“-Stadt (Null-Müll-Stadt) zu werden. Ein hehres Ziel und noch weit entfernt. Dem BUND zufolge fallen in der Bundhauptstadt 230 Kilogramm Abfall pro Einwohner und Jahr an. Angestrebt sei auf dem Weg zu Zero Waste, erstmal 20 Prozent weniger Müll hinzukriegen. Man müsse sich an Städten wie Treviso und Ljubljana orientieren, die sich bei 50 Kilogramm Müll pro Einwohner und Jahr bewegten.

Ursachen für den gravierenden Unterschied sieht Quast auf politischer Ebene, da das Thema nicht ausreichend präsent sei. Außerdem betreibe die Berliner Stadtreinigung eine falsche Informationspolitik, wende sich mehr an Vermieter als an Mieter, urteilt Quast. Doch was tut der BUND, um richtige Informationen besser an die Verbraucher zu bringen? Sie seien seit Jahren unterwegs mit der Website www.Berlin-Abfallcheck.de, schulten ehrenamtliche Abfallberater, die in Haushalte gingen oder in Kiezen bei Stadtfesten unterwegs seien, um ihr Wissen über richtige Mülltrennung weiterzureichen – auch spielerisch mit einem Mülltrennspiel. „Die Leute sind froh, dass sie einen Ansprechpartner haben, mit dem sie es klären können“, weiß Quast. „Aus Unwissenheit tut man manchmal das Falsche, obwohl man es gar nicht möchte.“

Deutlich wurde bei der Kieztour, dass jeder seinen Beitrag zur Umwelt- und Klimaschonung leisten muss. Das fängt beim Verpackungswahnsinn an. Der Verbraucher hat es in der Hand, Mehrweg- den Einwegverpackungen vorzuziehen, Quast räumte ein, dass die Kunden gar nicht mehr durchblickten, auf welche Flaschen eigentlich Pfand berechnet werde und auf welche nicht. Produzenten von umweltschädlichen, gesundheitsschädigenden Verpackungen wie Plastik sollten Kunden mit Kaufverweigerung zur Vernunft bringen, Pappbecher sollten umgangen und mitgebrachte wiederverwertbare Becher eingesetzt werden. Außerdem könnte man Läden mit Produkten ohne Verpackung unterstützen.

Systemwechsel ist notwendig

Eine weitere Station der Kieztour, die im Volkspark Friedrichshain begann, war der Besuch beim Verein Kunst-Stoffe im Haus der Materialisierung im einstigen Haus der Statistik der DDR an der Karl-Marx-Allee. Dort wurde ein weiteres Kapitel der Umweltschonung aufgeschlagen: Wiederverwerten statt neu kaufen. In den Lagerhallen ist alles Wiederverwertbare im Angebot – beispielsweise überschüssige Tapetenrollen, Farbfolien, Holzlatten und Kleiderstoffe. Corinna Vosse, Mitgründerin des Vereins Kunst-Stoffe, apellierte an die Teilnehmer der Tour: Erstmal im Lager vorbeischauen und nur notfalls im Baumarkt neu kaufen. Am besten für sie sei, wenn die Einrichtung mit Näh-, Fahrradwerkstatt, Schreinerei, Reparier- Cafe einerseits von möglichst vielen genutzt, anderseits weiterempfohlen werde.

Umweltschutz fängt für Quast nicht erst bei der Beseitigung von Müll an. „Es geht um einen großen Systemwechsel. Wir müssen weg von der Wegwerfgesellschaft“, bilanziert er. Das Wirtschaftssystem müsse komplett neu aufgebaut werden. Es müsse künftig um langlebigte Produkte gehen. Dafür könne sich der Experte Leihsysteme vorstellen. „Ich brauche beispielsweise keine Waschmaschine, ich brauche nur die Dienstleistung des Waschens. Wenn das Auto beim Carsharing im Besitz des Herstellers bleibt, hat der ein Interesse daran, dass das Fahrzeug möglichst lange läuft“, erläutert Quast ein umweltschonenderes Geschäftsmodell.

Die nächste Kieztour findet am 5. September 2020 zum Thema „Anders wohnen“ statt. Eine Anmeldung (www.erzbistumberlin.de/kieztouren oder 0 30 / 6 66 33 12 66) ist erforderlich.