Von Stralsund bis Bukarest

„Es tut uns leid. Du gehörst nicht dazu. Du bist irgendwie anders.“ Jugendliche setzen sich im Theaterspiel damit auseiannder, was Ausgrenzung mit dem Menschen macht.

Anders und ausgeschlossen sein theaterpädagogisch aufgearbeitet: Von einem internationalen Jugendprojekt berichtet Renate Krekeler-Koch, die 14 Jahre beim Ludwig-Wolker-Verein Bildungsreferentin war, in einem Gastbeitrag.

Katholische Jugendarbeit ist vielfältig und geht über Grenzen. Die internationalen Jugendprojekte des Ludwig-Wolker-Vereins schaffen Begegnungen für Jugendliche aus dem Erzbistum Berlin, die einen intensiven Austausch und ein Kennenlernen fremder Länder und Kulturen ermöglichen.

Eines dieser Projekte hat im Sommer 20 Jugendliche aus Deutschland und Rumänien zusammengeführt. Unter dem Titel „Vielfalt erleben! Multi-Ethnizität neu gedacht“ haben die Teilnehmenden sich auf die Reise gemacht: Zuerst in Siebenbürgen/ Transsilvania über die Karpaten nach Bukarest, ein paar Wochen später von Berlin bis an die Ostseeküste nach Stralsund.

Suche nach der Vielfalt in Land und Gesellschaft

Die Reise war eine Suche nach Vielfalt im Land, in der Gesellschaft, in der Geschichte. Das reichte von der Schwarzen Kirche in Kronstadt/Braşov bis zur Marienkirche in Stralsund, vom Denkmal für den Aufstand der Kronstädter Arbeiter 1987 bis zur Gedenkstätte Berliner Mauer, vom Eintauchen in die rumänisch- ungarische Vergangenheit in Klausenburg/Cluj-Napoca bis zum Multikulti Markt in Neukölln. Zur Suche gehören aber auch beobachten, nachfragen, diskutieren, in kleinen Gruppen, zu zweit oder beim Straßeninterview. Den Kern der Begegnung bildete die künstlerische Reflexion all dieser Programmpunkte. In nur wenigen Tagen entstand mit Unterstützung der Theaterpädagoginnen Mirona Stanescu und Tania Freitag das Stück „Irgendwie anders!“

Gleich dreimal wurde das Stück gezeigt. Im Stadttheater Reduta in Kronstadt und in der Jugendfreizeitstätte Fuchsbau in Berlin. Die Aufführung im Sonntagsgottesdienst der Katholischen Gemeinde Heilige Dreifaltigkeit in Stralsund war jedoch der krönende Abschluss des Projekts – nicht nur durch die vielen Zuschauer, sondern vor allem durch die beeindruckende Atmosphäre. Statt einer Predigt nehmen die Jugendlichen den Raum ein. In der ersten Szene entsteht ein Raumlauf rund um den Altar. Wortfetzen, die sich zu eindringlichen Sätzen um Heimat und Ausgrenzung verbinden, hallen durch die Kirche. Personen formen sich zu kleinen Gruppen und geben sich gegenseitig Kraft. Wie stark und abgeschlossen diese Gruppen sein können, zeigt sich in der zweiten Szene, die nach dem Gottesdienst gespielt wird. Der Versuch eines etwas anders aussehenden Menschen sich zu integrieren, scheitert. „Es tut uns leid. Du gehörst nicht dazu. Du bist irgendwie anders.“ Fast bis zur Unerträglichkeit muss der Zuschauer beobachten, was die Ausgrenzung mit dem Menschen macht. Dass sich am Ende das Miteinander durchsetzt, wirkt befreiend und aufrüttelt.

Blicke in die Geschichte der geteilten Stadt

Die Rückbegegnung in Deutschland war von aktuellen gesellschaftlichen Themen geprägt, mit einem Fokus auf Europa. Der Besuch beim Botschafter Rumäniens in Berlin hat die Jugendlichen eingestimmt auf die Frage: Wozu überhaupt die Europäische Union? Um den Wert der Überwindung der Teilung Europas und die Basis der Europäischen Union besser zu verstehen, waren das Gespräch mit dem Botschafter als Zeitzeugen und als ehemaligen Stimme von Radio Free Europe Romania sowie der Blick in Geschichte der geteilten Stadt Berlin Ausgangspunkte für eine tiefere Diskussion.

Die erfolgreiche Kooperation zwischen dem Honterus Alumni Club, der Kulturreferentin für Siebenbürgen und dem Ludwig-Wolker- Verein soll fortgesetzt werden. Dank der finanziellen Unterstützung von Erasmus+ Jugend in Aktion und durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) konnten inhaltlichen Ansprüche als politisch- kulturelles Bildungsprojekt erfüllt werden. Durch die organisatorische Unterstützung durch den BDKJ Berlin, die Mitarbeiter des Bezirksamts Reinickendorf sowie der Aufführungsorte ist das Projekt reibungslos abgelaufen.

Mit diesem Projekt verabschiede ich mich von meiner Arbeit für den Ludwig-Wolker-Verein. Nach 14 Jahren voller schöner, herausfordernder, bunter, lauter, emotionaler, beeindruckender Momente, mit einer erfolgreichen Zusammenarbeit in unterschiedlichsten Teams und zahlreicher Begegnung mit inspirierenden Menschen geht meine Reise hier nun zu Ende. Ich bedanke mich bei allen, die mir geholfen haben, in fast 100 Projekten Jugendliche zu begleiten und zu ermutigen, sich für ein tolerantes und von Nächstenliebe geprägtes Miteinander einzusetzen.