Was bleibt, wenn die Kirche weggenommen wird?

„Abschied sollte immer zu einem Aufbruch werden. Unsere Gemeinde heißt ja nicht umsonst St. Christophorus. Wir ziehen mit kostbarer Fracht durchs tiefe Wasser und folgen als Heilige Drei Könige einem Stern“, sagt Klaus-Dieter Hoffmann, der sich im Immobilienprozess seiner Pfarrei engagiert. Foto: Georg Wagener-Lohse

Das Erzbistum Berlin hat einen Immobilienprozess angestoßen. Dabei schauen Pfarreien, welche Gebäude noch benötigt und auch finanziert werden können.  Klaus-Dieter Hoffmann begleitet diesen Prozess in der Pfarrei Heilige Drei Könige in Berlin-Nordneukölln.

Was mit Kirchengebäuden aufgrund der rückläufigen Finanzausstattung geschehen soll, ist eine der drängendsten Herausforderungen für Kirchengemeinden. Die Debatte um ihre Zukunft kann daher keine reine Baufrage sein. Sie berührt grundlegende Fragen: „Wer sind wir als Gemeinde, in diesem Kiez? Was trägt uns? Welche Räume brauchen wir und welche können wir mit anderen teilen?“ 

Das Erzbistum Berlin unterstützt aktuell acht Pfarreien, die sich zur Klärung dieser Fragen auf den Weg gemacht haben. Die seit sechs Jahren bestehende Pfarrei Heilige Drei Könige in Nordneukölln ist dafür ein Beispiel. Gab es hier vor zehn Jahren noch 20 000 Mitglieder in fünf Gemeinden, sind es heute noch 12 000. Hier treffen gut Situierte auf arme Menschen. Über 30 Jahre war die Gemeinde St. Christophorus, die heute ein Teil der Pfarrei Heilige Drei Könige ist, von der Pallottinischen Gemeinschaft vor Ort geprägt – spirituell, sozial und kulturell. Diese Arbeit wurde im Umfeld und im Bezirk deutlich wahrgenommen, geschätzt und unterstützt. Auch nach dem Weggang der Gemeinschaft möchte die Pfarrei die Angebote daher fortführen.

Klaus-Dieter Hoffmann ist ein katholisches Urgestein der Gemeinde und gehört zum Gremium der Gesamtpfarrei, das den Immobilienprozess begleitet. Beruflich war er als Städtebauer bis 2024 bei der Planung großer Wohnungsbauvorhaben in der Berliner Senatsbauverwaltung tätig. Mit Blick auf den Prozess sagt er: „Heute scheint sichtbare christliche Religion zunehmend zu provozieren. Daher muss sich die Gemeinde überlegen, wie sie ihre Überzeugungen und das daraus folgende soziale Engagement dennoch deutlich nach außen tragen kann.“  Denn die Gemeinden nehmen noch immer wahr, „dass Kirche auch heutzutage bei der Sinnsuche angefragt wird. Das müssen wir noch stärker berücksichtigen bei niederschwelligen und sozialen Angeboten.“

Im Blick auf die Finanzierung der Gebäudenutzung gibt es an allen Standorten das Bewusstsein, dass etwas passieren muss.  Aber das Wie macht Schwierigkeiten. Mit dem Immobilienprozess besteht die Herausforderung, Visionen für eine gemeinsame, aber nicht einsehbare Zukunft an vier bis fünf Standorten zu entwickeln. Aus emotionaler Bindung denkt aber jede Gemeinde eher für ihren Standort als gemeinsam für die ganze Pfarrei. Das Wechselspiel zwischen Gesamtverantwortung und Gemeindestandort sei für die Mitwirkenden noch schwer zu fassen, so Hoffmann. Die angestoßenen Klärungsprozesse benötigen viel Zeit. Bei den Gesprächen wird deutlich, dass der Grat zwischen Frustration und Überforderung schmaler wird. „Im vorgesehenen Zeitraum von etwa einem Jahr kann man eine Pfarrei nicht ‚wachküssen‘“, sagt Hoffmann.  Die intensiven Erlebnisse wichtiger Lebensabschnitte haben sehr enge Bindungen an einen Ort geschaffen. Diese Orte jetzt aufzugeben oder andere Orte in Anspruch zu nehmen, löse Verlustgefühle aus. Klaus-Dieter Hoffmann sieht die Möglichkeit, diese „Sorgen als Aufbruchsschmerz zu verstehen“.  Im Evangelium entdeckt er dazu eine Orientierung: „Aus der ‚Brotvermehrungsgeschichte‘ lerne ich, dass man mit dem Verteilen seiner Möglichkeiten und Ideen anfangen sollte. Auch mein Lieblingswunder, von den vier Männern, die einen Gelähmten zu Jesus tragen und durch das Dach herunterlassen, lehrt mich, dass gerade Teamarbeit zum Wunder führen kann.“

Wenn in der gesamten Pfarrei maximal zwei große Kirchen in Nutzung bleiben, scheint das für große Gottesdienste ausreichend. Aber es sind Räume für die Begegnung erforderlich, wo man über Gott sprechen kann. „Über Glauben reden und daraus handeln, ist gerade für die jüngere Generation wichtig. Wir als ältere Generation sind da in der Verantwortung, entsprechende Veränderungen gelassen und kreativ einzuleiten“, erklärt Hoffmann. „Die Familie als Urquelle religiösen Lebens fällt ja fast völlig weg. Im Glauben wachsen und reden, aus dem Glauben feiern und daraus handeln, sollte nicht nur auf Sonntagsmessen beschränkt bleiben.“ Dieses nötige Umdenken spricht für Hoffmann auch für kleinere, leichter zu finanzierende Räume.

Klimaschutz spielte zu Hoffmanns Bedauern bisher im Prozess nur am Rande eine Rolle. Mit der Ermittlung von Energieverbräuchen und gezielter Verringerung ist aber begonnen worden. Das Thema soll nun generell in der Konzeptionsphase des Immobilienprozesses einbezogen werden, wenn die Frage nach den verbleibenden Grundstücken und Gebäudenutzungen geklärt ist.