Nein, er werde die Historienserie „Vikings: Valhalla“ nicht schauen, schließlich habe er keinen „Netflix“-Zugang, sagt Bernhard Lütkemöller. Dabei hat er in dieser den Papst synchronisiert. Der Tag des Herrn hat den Ruhestands-Pfarrer in Berlin besucht – mit Streamingzubehör im Gepäck ...
„Brutal, düster, aufregend“. So wird die Zuschauerrekorde brechende Serie „Vikings: Valhalla“ beschrieben, in der Nordmänner nach Ruhm, Reichtum und Rache dürsten. Tatsächlich wirbeln auch in der dritten Staffel der lose auf historischen Fakten basierenden Reihe die Schwerter nur so umher, während abseits des Schlachtfeldes reichlich intrigiert und nackte Haut gezeigt wird.
Auch wenn sie etwas mehr Kleidung trug, war auch die Figur, der Bernhard Lütkemöller als Synchronsprecher seine Stimme lieht, kein Kind von Traurigkeit. „Johannes XIX., der im 11. Jahrhundert auf dem Heiligen Stuhl saß, galt als skandalumwitterter Papst“, sagt der Pfarrer im Ruhestand.
„Noch in Coronazeiten fragte ich auf dem Weg zur S-Bahn die Mitarbeiter der benachbarten Filmfirma, die gerade Raucherpause machten, ob ich mal ihr Studio besichtigen könnte“, erinnert sich der gebürtige Westfale, der seinen Ruhestand in einem betreuten Wohnheim in Berlin verlebt. Zwei Jahre später durfte Lütkemöller zur Visite – im Tausch gegen seine Latein-Expertise. „Ich sollte einen Schauspieler für einen Martin Scorcese-Film in Latein coachen.“ Das klappte so gut, dass er für die Wikinger- Serie gleich noch mal beraten durfte. Doch dabei es blieb es nicht.
Denn weil die Firma Budget sparen wollte, durfte Lütkemöller als Synchronsprecher für den Papst ran. Dass es nur ein paar Sätze waren, lag auch an der Figur des Kardinals, der dem Papst ständig das Wort abschneidet. Am Ende der Folge liegt der Kopf des Kardinals abgetrennt in einer Truhe. Keine Schadenfreude bei Bernhard Lütkemöller, der ohne den dominanten Kardinal wohl mehr Redeanteile gehabt hätte: „Man sollte es nicht übertreiben. Es ist eine kleine, nette Rolle, eine interessante Erfahrung – nicht mehr und nicht weniger.“
Bei den Kampfszenen fühlt man sich als Zuschauer dank der Surroundsound- Anlage in Lütkemöllers Wohnzimmer mittendrin im Geschehen. Die Gewaltdarstellungen nimmt der Geistliche gelassen hin. „Das Mittelalter war nichts für Weicheier“, sagt er ungerührt, als wieder einmal die Fetzen fliegen. Ein Freund solcher Szenen sei er zwar nicht. „Aber dass die Konflikte mit Gewalt ausgetragen wurden, gehört zur Wahrheit.“
Noch etwas ist ihm beim Schauen aufgefallen. „Die Wikinger werden als ausgelassen feiernd gezeichnet, mit losen zwischenmenschlichen Bindungen, wie sie heute üblich sind“, sagt Pfarrer Lütkemöller, etwas skeptisch. Dass vorchristliche Kulturen positiv dargestellt werden, hat er in der Gesellschaft als generellen Trend ausgemacht. Andererseits hält er nichts davon zu beschönigen, wie die christlich begründete Monogamie lange praktiziert wurde: „Das Ideal der Liebesehe ist noch nicht so alt. Wenn man ehrlich ist, war vor dem 18. Jahrhundert die Zwangsheirat Normalität.“
Waren beim Zustandekommen seines Engagements als Synchronsprecher höhere Mächte im Spiel? Pfarrer Bernhard Lütkemöller ist da vorsichtig. „‚Fügung‘ ist ein sehr starkes Wort. Man sollte nicht übertreiben“, sagt er. „Ich drücke es so aus: Auch in Berlin habe ich die Erfahrung gemacht: Wenn ich mit einer offenen Haltung, mit offenen Augen durch die Welt gehe, ergeben sich manchmal die ungeahntesten Dinge.“