„Wir vergessen euch nicht!“

In einer Halle des Berliner Großmarkts packen ehrenamtliche Helfer der Berliner Tafel mit Atemschutzmasken Lebensmittel in Tüten. Auch der Berliner Erzbischof Heiner Koch hilft beim einpacken. Foto: imago images/snapshot

Der Ausfall öffentlicher Ostergottesdienste ist für viele Gläubige eine traurige Premiere. Erzbischof Heiner Koch spricht über sein Osterfest, Erfahrungen bei Gottesdienstübertragungen und die Chancen in der Krise.

Erzbischof Koch, wie feiern Sie in diesem Jahr Ostern? 

Das Hochamt zu Ostern feiere ich – nicht öffentlich – um 10 Uhr mit Vertretern des Domkapitels in St. Joseph in Berlin- Wedding, das ist der Ausweichort, solange die St. Hedwigs-Kathedrale für Sanierung und Umgestaltung geschlossen ist. Wir werden den Gottesdienst bei allen Begrenzungen würdig und festlich gestalten. Wir feiern ohne die Gemeinde in der Kirche, aber der rbb wird den Gottesdienst live im Hörfunk und Fernsehen übertragen. 

Ein kleiner Trost, denn Feste wie Ostern leben doch von der Gemeinschaft. Wie fühlen Sie sich den Mitchristen dennoch verbunden? 

Ich merke eine Dichte bei den jetzigen Gottesdiensten, die wegen Corona über verschiedene Medien übertragen werden. Ich erlebe die Zuschauer und Zuhörer quasi vor mir als Mitfeiernde. Vielleicht spüre ich mehr Nähe als in den normalen Gottesdiensten, in denen die Menschen in den Kirchenbänken sitzen. Ich erhalte so viele Reaktionen nach den Gottesdiensten. Die Schilderungen sind rührend, auf welche Weise die Gläubigen mitfeiern und -beten. Sie erzählen, wie sie zu Hause eine Kerze anzünden, das Kreuz aufstellen, schicken mir Fotos von ihren Familien. 

Wie selbststständig kann Glaube praktiziert werden – unabhängig vom Raum der Kirche und vom Pfarrer? 

Gar nicht. Der christliche Glaube ist ein gemeinschaftlicher Glaube. Der persönliche Glaube kann immer nur ein Teil davon sein. Ich brauche den anderen, der mich ergänzt, trägt, korrigiert. Einen in sich isolierten Gottesglauben kann ich mir nicht vorstellen. 

Corona stellt die Welt auf den Kopf. Stört es Sie, dass die Kirche immer dann an Bedeutung gewinnt, wenn es den Menschen schlecht geht? 

Ich nehme diese Zeit als eine große Herausforderung an. Ich möchte allen Menschen helfen, auch den Nicht-Gläubigen. Durch die Hilfe scheint auf, warum wir so leben und handeln. Das kann ein tiefer Weg der Verkündigung sein. Natürlich stellen sich manche Fragen neu. Beispielsweise: Wie kann Gott dieses Leid zulassen? Wo ist Gott? Aber ich glaube nicht, dass jede Krise automatisch zu Gott führt. Vielleicht kratzt sie ihre Ungläubigkeit etwas an. 

Zu den Schönwettergläubigen: Was können sie tun, um in diesen schwierigen Zeiten nicht vom Glauben abzufallen? 

Gerade hier in der ostdeutschen Diaspora erlebe ich, wie tief viele Menschen im Glauben verwurzelt sind. Die schmeißen ihren Glauben nicht einfach hin. Wir versuchen, bei den Menschen präsent zu sein, für sie da zu sein, auf allen Kanälen. Ich schreibe zu Ostern einen Brief an alle Katholiken, um auch die zu erreichen, für die Internet und Facebook keine Alternative sind. Den Gemeinden sage ich, haltet Kontakt zu den Kranken und Alten. Ruft sie an, damit sie erfahren: „Wir vergessen euch nicht!“ 

Haben Sie eine ähnliche Krise in Ihrer Zeit als Priester schon mal erlebt? 

Dass wir nicht Ostern feiern können in öffentlichen Gottesdiensten, ist erstmalig. Einen gesellschaftlichen Schockzustand lösten aber auch die Terroranschläge vom 11. September 2001 in New York und Washington aus. Plötzlich brach die Spaßgesellschaft insbesondere der westlichen Welt zusammen. 

Viren breiten sich grenzenlos aus. Die Menschen rücken zusammen, die Religionszugehörigkeit ist beim Kampf ums Überleben nachrangig. Sogar in Supermärkten wird zu mehr Solidarität aufgerufen. Was bleibt der Kirche noch übrig zu tun? 

Das Wesentliche. Die begründete Hoffnung zu verkünden, dass Leben mehr ist als die Phase zwischen Geburt und Tod. Es gibt eine erfüllte Zukunft für alle Menschen, die in diesem Leben beginnt und über den Tod hinausgeht. Das ist unsere Kernbotschaft, unsere Osterbotschaft. Wir werden Ostern ein Bild zur Mitnahme in den Kirchen auslegen, auf der einen Seite ist das Gemälde mit dem Osterlamm aus der Kirche „Maria Regina Martyrum“, auf der anderen Seite steht: „Wenn unser Leben lahmgelegt, werden wir aufgeweckt.“ Ich hoffe, dass wir in dieser Krise offen sein werden für die Osterbotschaft. 

Was stört Sie an der Diskussion über Corona? 

Es stört mich, wenn nicht gefragt wird: „Wie können wir unsere Verantwortung wahrnehmen?“, sondern: „Was steht mir rechtlich noch zu?“, das gilt auch für die Frage nach öffentlichen Gottesdiensten. 

Wie begegnen Sie aller Aufgeregtheit in der Diskussion über Corona? 

Mit Gottvertrauen und Sachlichkeit. Das Wort „Gottvertrauen“ ist vielen fremd. Ich wünsche es den Menschen in Beratungen, auch bei nicht-kirchlichen Begegnungen. Viele sind überrascht, wenn ich das sage. 

Erkennen Sie die Chance eines Neuanfangs? 

Ich hoffe sehr, dass wir als Kirche den Mut finden, uns mit unserer Osterbotschaft auch danach ins Gespräch einzubringen und zwar verstehbar, erlebbar, prägnant. Das halte ich für eine große Herausforderung. Ich glaube, dass das Gefühl für Solidarität über alle Religionen und Nationen hinaus gewachsen ist. Ich erlebe eine Gemeinschaft aller, die an Gott glauben: Christen, Juden, Muslime. Wir sehen gerade jetzt, was uns verbindet gegenüber denen, die an keinen Gott glauben.  

 

Zur Sache

„Wir bleiben in Verbindung“ – die Kar- und Ostertage
Ostern zu Hause

Unter www.erzbistumberlin.de/kar-und-ostertage findet sich eine umfangreiche Materialsammlung zur heiligen Woche und den Ostertagen mit nützlichen und kreativen Hinweisen zur Feier der Tage zuhause in kleinem Kreis.

Gottesdienste zu den Kar- und Ostertagen online und in Hörfunk und Fernsehen

In den vergangenen Wochen hat sich das Angebot an Gebetszeiten, Gottesdienstangeboten, ... vervielfacht. Über www.erzbistumberlin.de werden die Gottesdienste von Palmsonntag bis Weißen Sonntag gestreamt sowie ein tägliches Abendgebet um 21 Uhr. Auf www.facebook.com/ErzbischofKoch wird täglich um 18 Uhr der Angelus gebetet. Eine Übersicht über viele weitere Angebote findet sich auch online: www.erzbistumberlin.de/corona  Der Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) überträgt zwei Gottesdienste im Fernsehen:

Karfreitag, 10. April, 10 Uhr: evangelischer Gottesdienst aus der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche Berlin mit Bischof Christian Stäblein (Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz), Kathrin Oxen (Pfarrerin an der Gedächtniskirche), Schauspieler Ulrich Noethen, Vokalsolisten der Kaiser-Wilhelm Gedächtniskirche

Ostersonntag, 5. April, 10 Uhr: katholischer Gottesdienst aus der St. Josephs-Kirche in Berlin-Wedding mit Erzbischof Heiner Koch und einem Gesangs-Ensemble

Ökumenisches Osterläuten am Ostersonntag

Als Zeichen der Verbundenheit in der Freude über den Sieg des Lebens angesichts des Todes rufen Landesbischöfin und Erzbischöfe die Gemeinden in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche) und in den Erzbistümern Hamburg und Berlin dazu auf, am Ostersonntag um 12 Uhr die Glocken zu läuten. Damit soll die Osterbotschaft in die Welt hinausgetragen werden. Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt, Erzbischof Stefan Heße und Erzbischof Heiner Koch laden ein: „Bitte beteiligen Sie sich mit Ihren Gemeinden an diesem besonderen Ostergeläut – damit die Botschaft der Auferstehung des Herrn sich ausbreitet und auch unsere Freude, dass wir mit der ‚Kraft aus der Höhe‘ erfüllt werden.“

Kirchen geöffnet

Auch wenn öffentliche Gottesdienste abgesagt sind, halten viele Gemeinden zu bestimmten Zeiten ihre Kirchen offen zu Gebet und Einkehr, auch zu seelsorglichen und Beicht-Gesprächen. www.erzbistumberlin.de/corona/offene-kirchen