Zivilcourage wagen

Mit Kolpingfahnen zogen die Jugendlichen am 11. März in die Gedenkkirche Maria Regina Martyrum ein. Foto: Annemarie Banek

Die Erinnerung an die Verbrechen nationalsozialistischer Herrschaft wachzuhalten, gehört zu den Anliegen der Kolpingjugend. Am 11. März fand dazu ein Gottesdienst in der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum statt.

Mit wehenden Fahnen und unter den mitreißenden Klängen der Band Exodus zogen Jugendliche und junge Erwachsene aus ganz Deutschland am Abend des 11. März in die katholische Gedenkkirche von Berlin-Charlottenburg ein.

Unter dem Motto „Gegen das Vergessen“ feierte die Kolpingjugend Deutschland einen Gottesdienst in der nahe der ehemaligen Hinrichtungsstätte Plötzensee gelegenen Kirche. Mit dabei auch Schwester Mirjam Fuchs, Karmelitin aus dem zur Gedenkkirche gehörenden Kloster Maria Regina Martyrum. Sie freute sich, dass so viele junge Christen an diesem Abend in der Kirche waren. In der Predigt griff der Kirchenrektor Hansjörg Günther die Lebensgeschichte von Franz Michalski, einem der letzten Holocaust- Überlebenden, auf, der sich während des Zweiten Weltkriegs eine zeitlang in Berlin verstecken konnte und hier seit einigen Jahren wieder wohnt.

Er appellierte an seine Zuhörer, das geschehene Unrecht nicht zu vergessen und Verantwortung dafür zu übernehmen, dass sich ähnliche Geschehnisse nicht wiederholen.Was bedeutet das vielzitierte Versprechen „Nie wieder!“ und wo beginnt gesellschaftliche Ausgrenzung?, fragte er. Er ermutigte die jungen Christen, Zivilcourage zu zeigen und wies darauf hin, dass sich Antisemitismus heutzutage häufig in versteckten Stereotypen äußere. „Jeder Dialog auf Augenhöhe setzt voraus, dass der andere auch anders sein darf! Und dass ich mich bemühe, den anderen zu verstehen“, betonte Monsignore Günther. Er rief dazu auf, nach dem Vorbild Jesu allen Menschen frei von Vorurteilen zu begegnen.

Arbeitseinsätze im ehemaligen KZ

Für die Erinnerung an den Holocaust möchte auch Sophie Dziaszyk (21) sensibilisieren. Als Berliner Diözesanleiterin der Kolpingjugend engagiert sie sich mit Gleichaltrigen in der Mahnund Gedenkstätte Ravensbrück, dem ehemaligen Frauen-Konzentrationslager nördlich von Berlin. „Dort führen wir seit Jahren regelmäßig Workcamps durch, halten das Gelände in Schuss und machen Führungen oder Archivarbeit. Auch Gottesdienste feiern wir vor Ort“, berichtet Sophie Dziaszyk.

„Für uns junge Menschen ist das eine Möglichkeit, die Geschichte, die wir nur aus der Schule kennen, hautnah und bewusst zu erleben“, sagt sie über ihre Motivation. „Vor allem wollen wir mit unserer Arbeit ein Zeichen setzen, dass so etwas nicht nochmal passieren darf.“

Beten um Vergebung, auch für die Henker

Trotz der leidvollen Thematik prägte ein hoffnungsvoller Blick den Gottesdienst in Maria Regina Martyrum. Vom Aufruf, sich aktiv für eine bessere und gerechtere Welt einzusetzen, ganz im Sinne des Verbandsgründers Adolph Kolping, sprachen zuversichtliche Liedtexte. Viele junge Katholiken in der Kirche teilten diese Zuversicht. Besonders deutlich wurde die trotz des auch haute nicht abbrechenden Leids und Unrechts positive Haltung in einem Gebet aus dem KZ Ravensbrück. „Das Gute zählt“ ist der Gebetstext überschrieben, und darin wird um Frieden und um Vergebung gebetet, auch für die Menschen, „die bösen Willens sind, allen Henkern, Verrätern und Spionen“.

Kostbare Begegnungen mit Zeitzeugen

Von dem Gottesdienst war auch Jessica Junge-Bretschneider (55) sehr angetan. Die Katholikin beschäftigt sich schon lange mit der NS-Vergangenheit. „Für mich persönlich ist das Treffen mit einem Holocaust-Überlebenden am eindrücklichsten gewesen“, berichtet Junge- Bretschneider.

„Das direkte Lebenszeugnis verfolgter Juden, die von ihrer Inhaftierung in den Konzentrationslagern häufig noch die Tätowierungen auf der Haut tragen, oder auch die Geschichten, die von den Nachfahren der Zeitzeugen weiter überliefert werden, sind alle sehr bewegend.“

Der Gottesdienst war Teil der Bundeskonferenz der Kolpingjugend am vergangenen Wochenende. Zum Programm gehörte auch ein Arbeitseinsatz in Ravensbrück.