BZ-Kolumne

Die Qual der Wahl

Stellen Sie sich vor, Sie würden gewählt. Die Mehrheit der Stimmen entfiele auf Sie. Nachdem das Ergebnis bekannt ist, wird Ihnen gesagt: Wir haben Sie gewählt, weil Sie das geringere Übel sind.

In diesen Tagen höre ich dies häufig. Menschen sagen mir, sie würden bei der Bundestagswahl das geringere Übel wählen. Andere sprechen von der Qual der Wahl. Mag das, was Menschen sagen, auch nicht so gemeint sein, stimmt es mich trotzdem nachdenklich. Ich denke an die Mehrheit der Menschen auf unserer Erde, die keine Wahl haben. Sollen sie sich freuen, dass Ihnen diese Qual erspart bleibt? Und wenn gewählte Abgeordnete in den Spiegel schauen und sich darin als das geringere Übel sehen sollten: Ermutigt und motiviert dies, Verantwortung zu übernehmen?

In diesen Tagen sehe ich um mich herum Plakate, die mir zeigen: Wir sind die besten. Mit uns mehr Sicherheit, mehr netto, mehr Wachstum, mehr Deutschland, mehr Frieden. Von Übel keine Spur. Stattdessen rosige Aussichten. Die Qual der Wahl: Ja, sagen die Plakate, weil alle Wählbaren so fähig und so gut sind.

Mich umschleicht das Gefühl, dass mir beide Perspektiven nicht weiterhelfen: Nicht das Übel werde ich wählen, und sei es auch noch so gering. Und ebenso wenig werde ich die fehlerfreien Alleskönner wählen. Statt das geringere Übel oder einen Allmächtigen möchte ich Menschen wählen, denen ich vertrauen kann. Menschen, von denen ich überzeugt bin, dass sie das Bestmögliche tun, auch wenn sie gewiss nicht alle meine Wünsche erfüllen. Ich möchte Menschen wählen, denen ich zutraue, dass sie nichts versprechen, was nicht zu erreichen ist. Und Menschen, die Risiken eingehen und zu Fehlern stehen. Was würde Jesus dazu sagen? Vielleicht würde er in diesen Tagen sagen: Hört und seht genau hin. Lasst Euch nicht verwirren. Folgt Eurem eigenen Gewissen.