BZ-Kolumne

Die unbeantworteten Fragen lieben

Fragen ohne Antworten gibt es mehr als genug: Wie wird sich unsere Wirtschaft entwickeln und damit verbunden unser Wohlstand, unser Bildungsangebot und unser Gesundheitssystem? Wie sicher ist der Friede in unserem Land? Wie steht es um unsere Demokratie? Wie sehr können wir Inhalten in sozialen Medien vertrauen? Wie geht es mit der Europäischen Union weiter angesichts der teilweise widersprüchlichen Vorstellungen von Demokratie, Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden? Wohin entwickeln sich die USA?

Vielleicht gibt es Menschen in unserer Gesellschaft, die behaupten, sie wüssten die Antworten. Ich glaube dies nicht. Natürlich haben wir Meinungen; kennen vielleicht Positionen oder Prognosen. Aber halt eben keine gesicherten Antworten.

Wie können wir mit dieser Situation gut umgehen? Damit sind nicht nur die oben genannten Fragen gemeint. Es gibt auch persönliche Fragen, die wir nicht beantworten können: Wie lange werde ich noch leben? Welche meiner Beziehungen sind stabil und halten Krisen aus? Selbst auf die Frage, wie ich den heutigen Tag beenden werde, habe ich keine Antwort. Also bleibt die Frage, wie wir mit solchen Fragen ohne verlässliche Antworten gut umgehen können.

Keine gute Idee ist es, sie im Kopf kreisen zu lassen. Dann werden sie sehr schnell zu quälenden Fragen. Der deutschsprachige Dichter Rainer Maria Rilke hatte sicher viele Fragen ohne schnelle Antworten: viele Beziehungen, die nicht stabil waren; viele Ausbildungen, die er abbrechen musste; viele Krankheiten, die ihn immer wieder zum Umdenken zwangen; viele Ortswechsel. Sein Rat in einem seiner Texte, den er 1903 schrieb: „Man muss Geduld haben gegen das Ungelöste im Herzen und versuchen, die Fragen selbst lieb zu haben.“ Vielleicht würde das auch Jesus sagen: die unbeantworteten Fragen lieben. Der gläubige Jesus wusste, wie quälend Fragen sein können wenn er am Ende fragt: Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Und er lebte, wie Rilke es ausdrückt, „eines fernen Tages in die Antwort hinein.“