Während meines Urlaubs besuchte ich ein Ehepaar, mit dem ich schon mehr als dreißig Jahre befreundet bin. Auf der Wiese hinter dem Haus saßen auch zwei ihrer Enkelkinder. Die beiden 10- und 12-jährigen Enkel lasen in ihren Büchern. Ich erinnere mich an den Titel des Buchs der Enkelin: „Leise sein ist meine Zauberkraft.“ Später beim Waffelessen fragte ich sie, um was es denn in ihrem Buch ginge. Sie sagte, in dem Buch stünden viele Geschichten von Kindern, die eher leise und vorsichtig seien. Auf meine Frage, was ihr denn daran gefalle, antwortete sie: „Da wird zum Beispiel von einem Kind erzählt, dass immer wieder ins Schwimmbad geht, aber nicht ins Wasser. Es schaut sich das Leben im Schwimmbad an. Erst nach vielen Besuchen geht sie selbst ins Wasser.“ „Du schaust Dir auch immer alles genau an, bevor Du etwas tust,“ sagte die Oma in Richtung Enkelin. Und der Opa fügte in meine Richtung hinzu: „Mich macht das manchmal wahnsinnig.“
Bis heute denke ich gerne an diese Begegnung. Sie spiegelt das alltägliche Leben wider: Die einen plappern drauf los, die anderen sind nachdenklich und sagen erst einmal nichts; die einen schauen sich alles genau an, bevor sie sich auf etwas einlassen, die anderen sind immer sofort mittendrin, wo etwas los ist.
In Zeiten, in denen schrille Töne, lautstarke Parolen und große Bühnen so mächtig zu sein scheinen, ist es gegen den Trend, wenn Menschen über sich sagen: „Leise sein ist meine Zauberkraft. Der Platz im Halbschatten auf der Wiese liegt mir mehr als der laute Auftritt auf großer Bühne.“ Was würde Jesus dazu sagen? In der Bibel wird berichtet, dass eine Gruppe von Menschen vor den Augen Jesu eine Ehebrecherin steinigen wollten. Jesus sagte nichts, bückte sich und schrieb etwas in den Sand. Was er geschrieben hat, wissen wir nicht. Die Menschen gingen jedenfalls weg, ohne die Frau zu steinigen. Leise war er und wirksam.