Im Bus der BVG sitze ich nachts und freue mich, bald zuhause anzukommen. Nur wenige Menschen sind im Bus. Neben mir sitzt ein Herr, der später zugestiegen ist. Vor jeder Haltestelle drückt irgendjemand auf die Stopptaste. Der Busfahrer hält den Bus an und öffnet die Türen. Niemand steigt aus. Nachdem dies mehrmals geschehen ist und der Busfahrer wieder einmal den Bus vergeblich angehalten hat, macht er eine Durchsage: Der Fahrgast, der ständig den Halteknopf missbrauche, möge jetzt bitte aussteigen. Niemand bewegt sich. Nachdem er diese Ansage wiederholt hat, rührt sich immer noch niemand. Daraufhin verkündet der Busfahrer, er bleibe so lange stehen, bis die betreffende Person ausgestiegen sei. Es vergeht gefühlt wieder eine Minute. Dann erhebt sich der Mann neben mir und steigt aus. Die Türen schließen sich und wir fahren weiter.
Nichts Besonderes? Ja, stimmt. Die Szene ist keine große und sie ereignet sich nicht in Hollywood, auch nicht auf einer der großen Berliner Bühnen. Auch keine Meldung in Social Media. Trotzdem ist sie besonders. Denn der Mann neben mir hat mit Sicherheit nicht die Stopptaste bedient. Das hätte ich bemerkt. Er nimmt die Schuld auf sich, damit es für uns, die wir im Bus sitzen, weitergeht. Stellvertretend für den Fahrgast, der tatsächlich aus Lust an der Schikane oder aus Übermut oder Gedankenlosigkeit oder irgendeinem anderen Motiv missbräuchlich die Stopptaste bedient hat, steigt er aus. Von diesem Mann lerne ich erneut: Stellvertretung befreit, Vergeltung lähmt. Was würde Jesus dazu sagen? Was er zu der Szene im Bus sagen würde, weiß ich nicht. Zugleich bin ich überzeugt, dass dieser Jesus vieles an Schuld und Beschuldigung auf sich genommen hat, damit es weitergeht.