Seit 100 Jahren gibt es im deutschsprachigen Raum den Beruf, der heute die Bezeichnung Gemeindereferent:in“ trägt. Vor 100 Jahren machten sich Pionier:innen auf den Weg, den Herausforderungen der damaligen Gesellschaft mit einem neuen seelsorglichen Ansatz zu begegnen. Experimentierfreudige Pfarrer holten sich Verstärkung für die Seelsorge vor allem in die Großstadt-Pfarreien, wo die Not der Menschen nicht zu übersehen war. Gefragt waren spontan anpackende, improvisationsfreudige Wesen, die aus ihrer festen Verwurzelung in der Gemeinde, im Glauben und in der Soziallehre der katholischen Kirche heraus diesen Dienst übernehmen wollten und konnten. Wen wundert‘s: es waren Frauen, die diese Herausforderung annahmen, die man zunächst Gemeindehelferin nannte, dann Seelsorgehelferin und schließlich Gemeindereferent:in, seit den 70er Jahren auch Männer.
Wichtig war von Anfang an die Vernetzung, denn die Frauen, die ehelos bleiben sollten, waren oft auf sich allein gestellt in einer Kirche, die noch viel männlicher geprägt war als heute. So ist die „Berufsgemeinschaft katholischer Gemeindehelferinnen“ bereits 1926 in Freiburg gegründet worden, eine Wegbereiterin des heutigen „Gemeindereferent*innen Bundesverbandes“. Erst zwei Jahre später, 1928, nahm die erste Ausbildungsstätte ihre Arbeit auf, ebenfalls in Freiburg.
Der Schritt Laien, zumal Frauen, in der Seelsorge einzusetzen fand Nachahmer:innen im gesamten deutschsprachigen Raum. Heute sind Laientheolog:innen fester Bestandteil der Gemeinde- und Zielgruppenpastoral in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
So vielfältig die Herausforderungen waren und sind, so bunt präsentierte sich an diesem Jubiläumswochenende die Berufsgruppe des Erzbistums Berlin. Feierfreudig waren und sind wir allemal und ein Tag reicht uns da nicht aus, wenn es um ein so beachtliches Jubiläum geht. Auftakt war der Nachmittag und Abend des 20. Juni in der Katholischen Akademie. Geboten wurde ein Theaterstück zur Geschichte und zur zu erwartenden Zukunft unseres Berufes. Autorenschaft, Regie, Darsteller:innen und musikalische Untermalung – alle Leistungen kamen aus den Reihen der Berufsgruppe. Die Kirchenkabarettistin Ulrike Böhmer, die anschließend als „Engagiertes Gemeindemitglied Erna Schabiewsky“ hochaktuell und poinitert aus dem Nähkästchen plauderte, war die ideale Ergänzung mit hohem Wiedererkennungswert. Jede Lachsalve galt der eigenen Erfahrung.
Das reichhaltige Buffet, der gute Wein und das besondere Ambiente boten zudem den richtigen Rahmen für Begegnung und Gespräch.
Am Sonntag, 21. Juni, dann feierten wir in der Sankt Hedwigs-Kathedrale weiter. Der festliche Gottesdienst mit Erzbischof Heiner Koch wurde gestaltet und musikalisch unterstützt von der Berufsgruppe (natürlich!). Das große Gruppenbild am Schluss konnte nicht im Freien auf den Stufen von Sankt Hedwig geschossen werden, weil auch der Himmel donnernden Applaus spendete und überreichen Segen ausgoss.
Viele liebe Gäste haben an beiden Tagen mit uns gefeiert. Etliche Ruheständler:innen nahmen die Gelegenheit wahr, sich ihrer und unserer gemeinsamen Geschichte zu erinnern und jüngere Kolleg:innen wiederzutreffen. Diese Geschichte, vielmehr unsere Geschichten sind in einem Buch zusammengetragen: “berufen und gesandt“ enthält 44 zum Teil sehr persönliche Beiträge, zusammengestellt von einem engagierten Redaktionsteam aus der Berufsgruppe. Mit professioneller Unterstützung aus der Pressestelle des Erzbistums ist ein sehr besonderes Buch entstanden. Der ganze Reichtum unserer Berufsgruppe lässt sich dort finden. Oder wie es unsere Kollegin und die Hauptinitiatorin des Buches Christina Brath auf den Punkt bringt: „wertvoller OsterMorgenGoldStaub“
Und wie heißt es so schön: nach dem Jubiläum ist vor dem Jubiläum! In diesem Sinne lasst uns anstoßen auf die nächsten 100 Jahre!
Zum Jubiläum ist die Publikation „berufen und gesandt – 100 Jahre Helferin und Wegbegleiter:in – Berufsgeschichten im Wandel“ erschienen. Sie verbindet Rückblick und Dank mit einem Ausblick: „Wo es hingeht, werden wir sehen, aber es braucht viel freiheitliches Denken, Widerstand und ein weites Herz – und „den Rest“ überlassen wir dem Herrgott“, so Christina Brath, eine der Autorinnen und Herausgeberinnen, in ihrem Beitrag. Der Band schließt mit Visionen. Eine davon lautet: „Wir faszinieren, wirken überzeugend und authentisch und leben mit Leidenschaft und Gelassenheit unseren Auftrag in der Kirche“.