Christoph Urban Wichmann OP wird am Samstag, 12. September 2026 in Berlin-Moabit seine Feierliche Ordensprofess ablegen. Mit dem Gelübde, das auch „Ewige Profess“ genannt wird, bindet er sich für sein weiteres Leben an den Orden der Predigerbrüder und verspricht dabei Ehelosigkeit, Armut und Gehorsam. Wie er zu dieser Entscheidung gekommen ist, und wie er Berufsleben und Berufung für sich vereinbart, reflektiert er kurz
Frage: Pater Christoph, als Geschäftsführer des KTK-Bundesverbandes vertrauen Ihnen kleine und große Menschen in katholischen Kindertagesstätten. Und am 12. September knien Sie nieder und versprechen Gehorsam, Ehelosigkeit und Armut auf Lebenszeit.
Wie passen Sie diese beiden Bereiche für Sie zusammen; gibt es für Sie eine „Life-Work-Balance“?
Christoph Wichmann OP: Eine klare Trennung gibt es bei mir nicht: Als Geschäftsführer des KTK-Bundesverbandes trage ich Mitverantwortung für rund 8.000 katholische Kindertageseinrichtungen in Deutschland, für Kinder, ihre Familien und die Menschen, die sie begleiten. Dabei möchte ich als Dominikaner neben allen wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Aufgaben eine Sinnperspektive einbringen: Orientierung geben und Räume schaffen, in denen Kinder, Familien und Mitarbeitende sich als Geschöpfe Gottes gesehen fühlen. Gleichzeitig erinnert mich das Ordensleben immer wieder daran, meinen Wert nicht an dem zu messen, was ich leiste. Im Gebet, in der Gemeinschaft und im Rhythmus des klösterlichen Lebens bekomme ich eben diesen anderen Maßstab. Vielleicht ist das für mich die eigentliche Balance im Alltag: nicht Arbeit und Leben möglichst perfekt voneinander zu trennen, sondern immer wieder neu die richtige Ordnung zu finden.
Frage: Vier Orientierungsjahre im Dominikanerorden liegen hinter Ihnen, in denen Sie sich für ein „Nein“ hätten entscheiden können. Mit Respekt vor den Augenblicken, in denen Sie ins Grübeln gekommen sind: Wann und woran haben Sie erkannt: Das „Ja“ stimmt für mich?
Christoph Wichmann OP: Es gab für mich nicht „diesen einen Moment“, der manchmal bei Berufungen vermutet wird. Über Jahre habe ich gefragt und gezweifelt. Mit der Zeit wuchs mein Vertrauen, dass dieser Weg mich weiterführt und auf Christus weist. Aus „Will ich das?“ wurde „Möchte Gott mich hier haben?“ Mein Ja zum Ordensleben drückt weniger so etwas wie absolute Sicherheit als vielmehr mein tiefes Vertrauen aus.
Frage: Für Ihre Profess haben Sie „Vestigia Christi sequi – den Spuren Christi folgen“ gewählt (1 Petr 2,21). Also bedeutet „lebenslang“ nach Ihrer Ewigen Profess keinen Schlusspunkt für Sie? Wo haben Sie diese Spuren rückblickend bereits entdecken können?
Christoph Wichmann OP: Spuren Christi habe ich in meinem Leben an ziemlich unterschiedlichen Orten entdeckt: In Menschen, die mich haben aufhorchen lassen. In Entscheidungen, die zunächst gar nicht selbstverständlich waren. In Entwicklungen, die anders verliefen, als ich sie geplant hatte. Und auch in meinem beruflichen Weg: Wenn ich von der Theologie über das Sozialmanagement und die Verantwortung im Kita-Bereich bis zu meiner heutigen Aufgabe schaue, sehe ich darin im Rückblick eine Linie, die ich damals so noch nicht erkennen konnte.
Gerade die Arbeit in der sogenannten Frühen Bildung hat für mich viel mit dem Evangelium zu tun: mit der Frage, wie wir Menschen – und gerade Kinder – in ihrer Würde sehen, schützen und begleiten.
Vielleicht entdeckt man die Spuren Christi erst im Rückblick. Im Moment selbst sieht man oft nur den nächsten Schritt. „Den Spuren Christi folgen“ heißt für mich deshalb, aufmerksam zu bleiben, auch wenn der Weg nicht geradlinig verläuft.
Frage: Sie haben die Dominikaner als Student in Wien kennengelernt; eingetreten sind Sie über zwanzig Jahre später. Was waren für Sie konkrete Schritte, die Ihnen Klarheit gebracht haben?
Christoph Wichmann OP: Dass zwischen der ersten Begegnung mit den Dominikanern und meinem Eintritt in den Orden so viele Jahre lagen, ist für mich rückblickend durchaus wichtig. Die Dominikaner waren nicht einfach eine Idee, die plötzlich aufgetaucht ist. Diese erste Begegnung in Wien ist bei mir geblieben, auch wenn mein Leben ja zunächst einen anderen Weg nahm. In der Zeit konnte ich mich gerade durch unterschiedliche Erfahrungen, Herausforderungen und Begegnungen selbst besser kennenlernen: Was trägt mich? Was ist mir wirklich wichtig? Wofür möchte ich Verantwortung übernehmen und handeln?
Irgendwann wurde aus meiner alten Frage eine konkrete Einladung. Dann ging es nicht mehr darum, im Kopf eine endgültige Antwort zu finden, sondern tatsächlich Schritte zu gehen: Gespräche zu führen, Zeit im Orden zu verbringen, zu beten, mich auf Gemeinschaft einzulassen und auch auszuhalten, dass nicht alles sofort eindeutig ist. Das hat mir vielleicht am meisten Klarheit gegeben: Ich musste nicht den ganzen Weg kennen. Ich musste nur bereit sein, den nächsten Schritt zu gehen.
Mit Blick auf meine Ewige Profess, meine lebenslange Bindung an den Dominikanerorden, geht es mir nicht darum zu wissen, wo ich angekommen bin. Sondern wem ich mich anvertraue - Gott. Diese Haltung ist für mich der eigentliche Sinn von „lebenslang“.
Biographisches: Pater Christoph Urban Wichmann OP
1978 geboren in Marl, aufgewachsen in Gelsenkirchen-Buer
1999 – 2005 Studium der Katholischen Theologie in Bochum, Innsbruck und Wien
2007 Priesterweihe im Dom zu Essen, Anschließend Kaplan und Schulseelsorger in Essen-Stoppenberg, Jugendseelsorger in Gelsenkirchen
2015 – 2022 Propst an St. Pankratius in Oberhausen-Osterfeld
2022 Eintritt in den Dominikanerorden, Noviziat
2023 Einfache Profess; seither im Konvent Berlin-Moabit assigniert. Studium Soziales Management an der Alica Salomon-Hochschule (Berlin), Tätigkeit beim Zweckverband der Katholischen Kitas im Erzbistum Berlin
seit Februar 2026 Geschäftsführer des Verbandes Katholischer Tageseinrichtungen für Kinder (KTK-Bundesverband e.V.)
12. September 2026 Feierliche Profess in der Dominikanerkirche St. Paulus, Berlin-Moabit
Zu Provinz und Orden
Neben dem schwarz-weißen Ordensgewand samt Rosenkranz gibt es einen gemeinsamen „genetischen Code“ für die dominikanische Ordensfamilie: Ihre Aufgabe und Leidenschaft, gut zu predigen für das Heil der Menschen, so wird es seit den Anfängen des Ordens im 13. Jh. definiert. Das bedeutet für Dominikaner heute, Menschen in allen Lebenslagen ein Gespür für den zugewandten Gott zu vermitteln, auch an Bruchstellen des Lebens: In Beruf, Freizeit und Gottesdienst geben Dominikaner ihre eigene Glaubenserfahrung auf vielfältige Weise weiter, auch künstlerisch. Dominikanergemeinschaften leben und arbeiten häufig in urbanen Zentren.
Der Dominikanerorden gründete sich zu Beginn des 13. Jahrhunderts innerhalb der katholischen Kirche und gliedert sich in drei Zweige: Brüder, Schwestern und Laien. Sein offizieller Name lautet Ordo Praedicatorum (Orden der Prediger, abgekürzt OP). Die Dominikanerprovinz des Hl. Albert in Deutschland und Österreich vereint seit ihrer Gründung im Januar 2024 rund 130 Ordensmänner; ihr Provinzialat hat seinen Sitz in Mainz. Das Vikariat Ungarn gehört ebenfalls dazu. Weltweit ist der Dominikanerorden in 35 Provinzen strukturiert, in geografisch-organisatorische Einheiten, in denen die Predigerbrüder gemäß ihrer Ordensregel gemeinschaftlich leben und arbeiten.