Ein Ort der Ruhe und Besinnung inmitten des lauten Fußballbetriebs Die Kapelle im Berliner Olympiastadion

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Fotos: Jörg Farys

Die Kapelle im Berliner Olympiastadion besteht seit 20 Jahren - regelmäßige Gottesdienste vor den Heimspielen von Hertha BSC

Mehr als 650 Gottesdienste in ökumenischer Verbundenheit, weit über 30.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in zwei Jahrzehnten: Es ist Berlins vermutlich konstanteste ökumenische Gemeinde - und dazu noch eine sehr bunte: Die Menschen, die vor jedem Heimspiel von Hertha BSC in der Kapelle des Berliner Olympiastadions zusammenkommen, verbindet die Freude am Fußball, vor allem aber der gemeinsame Glaube. Vor 20 Jahren - am 20. Mai 2006 aus Anlass der Fußball-Weltmeisterschaft - wurde die Stadionkapelle im Olympiastadion eingeweiht. Seitdem finden hier regelmäßig ökumenische Gottesdienste statt. Vor dem Heimspiel gegen Holstein Kiel am 25. April haben die beiden Seelsorger an der Kapelle, der evangelische Militärbischof Bernhard Felmberg und der katholische Diakon Gregor Bellin, nun mit gut 150 Besucherinnen und Besuchern in der vollbesetzten Kapelle das Jubiläum gefeiert.

Auf 150 Quadratmetern bietet das wegen seiner mit Gold und Bibelzitaten in 18 Sprachen angelegten Wände auch „die goldene Kapelle“ genannte Oval einen Ort der Ruhe und Besinnung inmitten des lauten Fußballbetriebs. „Wir haben Grund, Danke zu sagen“, betonte Diakon Bellin, seit Anfang an im ökumenischen Team dabei. Besonderer Dank gelte Bernhard Felmberg, der die Idee zur Stadionkapelle hatte und „beharrlich und hartnäckig“ vorangetrieben habe, „aber auch vor allem Gott, der uns im Gottesdienst zusammenführt“. Felmberg blickte in seiner Predigt auf „20 Jahre, 20 Trainer, 400 Spieler und vier Präsidenten“ zurück - „Da ist es gut, dass bei allem Auf und Ab in der Vereinsgeschichte ein Raum geschaffen wird, der verbindet; ein Raum, wo Nachdenklichkeit, ehrliche Worte, fallende Fassaden und ein Gesicht, das anders ist, ihren Platz haben“, sagte Felmberg: Die Kapelle im vierten Untergeschoss des Stadions liege exakt unter der Mittellinie des Fußballfeldes und verbinde so beide Spielseiten. Fans von beiden Mannschaften kämen im Gottesdienst zusammen, um im Glauben verbunden bei allen spielerischen und sportlichen Unterschieden das Gemeinsame zu suchen. „Christlicher Glaube kann Dinge aufschließen, die die Seele berühren, auch für nicht gläubige Menschen“, sagte Felmberg. Beim gemeinsamen Vaterunser am Ende des Gottesdienstes fassten sich alle an den Händen - über alle Vereinsfarben hinweg.

Zum Jubiläum der Kapelle kam auch Hertha-Präsident Fabian Drescher. „Es ist ein sehr schöner Ort. Ich bin froh und stolz, dass das Olympiastadion diesen seit 20 Jahren beherbergt“, sagt Drescher. Es sei auch schön, das Gemeinschaftsgefühl in den Gottesdiensten zu sehen, und wie vielen Leuten das Kraft gebe; auch denen, sie sonst nicht in die Kirche gehen. Bei den beiden Seelsorgern bewundere er, wie sie „mit Herz und Seele“ diese Gottesdienste gestalteten. „Man nimmt ihnen sofort ab, wie sie für ihren Glauben einstehen und gleichzeitig für Hertha BSC.“, so Drescher. Er selbst gehe mit einem gestärkten Gefühl aus dem Gottesdienst.

Anja Hammer ist Küsterin an der Kapelle - und begeisterte Herthanerin. „Ich habe mich, als Bernhard Felmberg die Idee für eine Stadionkapelle hatte, in der Kurve umgehört und Unterschriften gesammelt“, berichtet sie. Mit diesem Rückenwind sei dann zwischen der Idee 2002 und der Realisierung der Kapelle 2006 einiges in Bewegung gekommen. Seitdem ist Hammer bei jedem Heimspiel und natürlich auch bei jedem Gottesdienst dabei und bereitet den Raum vor. Auf Highlights angesprochen, winkt sie ab: „Jeder Gottesdienst hier, ob vor den Heimspielen oder eine Taufe oder eine Trauung von Fans - oder auch eine Trauerfeier - hat ihren ganz besonderen Charakter und ist ein Highlight“, sagt sie. „Die Kapelle ist einfach ein Kleinod im weiten Rund des Stadions, wo man zur Ruhe kommen kann. Hier verbinden sich Fußball und Glaube, auch durch die schönen Lieder.“

So klingt es zwar nicht nach Fangesang, aber doch sehr energisch, wenn Christoph Schumacher, wie Hammer und die beiden Seelsorger ein fester Bestandteil der Crew, zur Gitarre greift und die Lieder anstimmt, mal aus dem Gesangbuch, mal aus einem eigenen Liederheft.

Mit dabei waren beim Jubiläumsgottesdienst auch 15 Schülerinnen und Schüler der Gustav-Heinemann-Oberschule aus Berlin mit ihrem katholischen Religionslehrer Philipp Meyer. „Wir machen eine Exkursion zum Thema religiöses Leben im Alltag“, berichtet Meyer. „Da passt der Besuch der Kapelle im Olympiastadion sehr gut.“ Für die Schülerinnen und Schüler der achten bis elften Klasse sei vor allem „die lockere Atmosphäre im Gottesdienst“ beeindruckend gewesen. Im Vorfeld des Stadionbesuchs hätten sich die Klassen mit ihrem Religionslehrer auch darüber auseinandergesetzt, wo die Grenzen von einer „Ersatzreligion Fußball“ lägen. So werde Glaube im Alltag konkret und im schulischen Religionsunterricht thematisiert. Dass in den Fürbitten nicht für den Sieg gebetet werde - und dass es auch keinen Fußballgott gebe - könnte hier am praktischen Beispiel erlebt werden.

Stattdessen wurde im Gottesdienst zum Beispiel für die Menschen gebetet, die die Stadiongemeinde seit 20 Jahren belebten - und nicht zuletzt bei allen Streitigkeiten und Konflikten in der Welt - auch um den Frieden, im Kleinen wie im Großen. „Ich finde gut, dass hier gläubige Menschen dem lebendigen Gott die Ehre geben - und nicht nur König Fußball huldigen“, sagte im Rausgehen ein Besucher - bevor er mit den anderen aus der Kapelle zu seinen Tribünenplätzen geleitet wurde, um rechtzeitig zum Anpfiff vor Ort zu sein und das Heimspiel von Hertha zu genießen, auch wenn „die Alte Dame“ am Ende mit 0:1 verloren hat.