Er ist und bleibt bei uns! Osterpredigt 2026 von Erzbischof Koch

Die große Begegnung des Ostermorgens ist die Erscheinung Jesu vor Maria von Magdala (Joh 20,1-18). Dreimal ruft Maria Magdalena voller Schrecken aus, dass die Menschen den Herrn aus dem Grab weggenommen haben (vgl. Joh 20,2.13.15). Sie will den toten Jesus bei sich haben, in ihrer Gegenwart, in ihrer Nähe. Deshalb kann sie es nicht ertragen, wenn man seinen Leichnam weggebracht hätte. Doch Christus ist lebendig, ist da, ist in ihrer Nähe. Er ist ihr gegenwärtig, wenn auch ganz anders als sie es erwartet hat.

Sie spricht wie die Jünger auf dem Weg nach Emmaus mit ihm (Lk 24,13–35), „doch ihre Augen waren gehalten“ (Lk 24,16), sodass sie ihn nicht erkannte. Doch auch wenn sie ihn zunächst nicht erkennt, sie spricht mit ihm, ist in seiner Nähe, ist in Gemeinschaft mit ihm. Das aber ist und bleibt die Botschaft der Auferstehung Jesu: Er ist und bleibt bei uns, in unserem Leben, in unserer Gegenwart. Er zieht sich nicht zurück, er lässt uns nicht allein. Damals nicht am Ostertag und heute nicht im Jahr 2026. Der Auferstandene ist und bleibt uns gegenwärtig. Er lebt mit uns, er geht mit uns, er spricht mit uns, er ist in unserer Geschichte in seinem Wort und in der Feier des Mahls der Auferstehung, in unserer Gemeinschaft, in den Menschen, die uns begegnen, in den Herausforderungen unserer Gesellschaft, auch und gerade im Dunkel unseres Lebens gegenwärtig. Christus ist von den Toten auferstanden gerade auch in unsere Nächte hinein.

Wir feiern seine Auferstehung in der Nacht, in der Osternacht, als es nicht nur äußerlich oft so dunkel ist in unseren Herzen, in unserem Denken und Gewissen und wir nicht mehr weiterwissen, als alles gegen die Gegenwart Gottes zu sprechen scheint, als alles dafürspricht, dass der Tod stärker ist als die Liebe, die Gewalt stärker als der Friede, die Verzweiflung stärker als die Hoffnung. Gott widerfährt uns Menschen gerade auch in diesen dunklen und herausfordernden Situationen unseres Lebens. Er kommt auf uns zu und geht mit uns. Wir können seine Gegenwart spüren, manchmal vielleicht nur erahnen. Wir sind dazu aufgefordert, ihn in unserem Leben zu entdecken, ihn anzuschauen, zu lernen ihn zu entdecken in uns und unseren Lebensvollzügen, seine Vergegenwärtigung in unserem Leben kontemplativ wahrzunehmen, damit wir die Erfahrung machen können, die die Jünger auf dem Weg nach Emmaus erfuhren: „Da wurden ihre Augen aufgetan und sie erkannten ihn“ (Lk 24,31).

Die Gegenwart Gottes können wir nicht machen und konstruieren, immer wieder entzieht er sich allem Ansinnen der Menschen, ihn festzuhalten, ihn zu definieren, ihn zu erklären und logisch zu erfassen. Seit Ostern kommt alles darauf an, sich von ihm erfassen zu lassen, offen zu sein für sein Eintreten in unser Leben, für seine Gegenwart in und bei uns, für sein oftmals so überraschendes Kommen in unser Leben.

Für viele Bereiche unseres menschlichen Lebens gilt, dass wir nur das und den und die sehen, die wir erwarten. Ostern stellt uns die Frage, ob wir ganz konkret Gott in unserem Leben wirklich erwarten oder ob wir die Möglichkeit, Gott in unserem Leben zu sehen und ihn wahrzunehmen für eine fixe Idee und eine Illusion halten. Alles kommt darauf an, dass wir mit offenem Herzen und mit dem Herzen des Glaubens unser Leben anschauen, in die Tiefe unseres Lebens schauen und im Betrachten unseres Lebens seine Gegenwart entdecken. Die österliche Botschaft lautet von daher: Ich bleibe bei Euch – gerade auch in den Dunkelheiten Eures Lebens. Die Frage des Auferstandenen an jeden von uns lautet von daher wie damals die Frage der Engel an die Frauen am leeren Grab: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten“ (Lk 24,5)?

Gerade in einer Zeit mit so viel Krieg und Elend, in einer Zeit gefüllt mit so viel Verzweiflung und Wirrnis, in einer Zeit der Gewalt und des Terrors bekennen und hoffen wir auf den Auferstandenen, der mitten in dieser oft so furchtbaren und widersprüchlichen Welt gegenwärtig ist. Das ist unsere Hoffnung, das kann uns Kraft geben, uns für das Leben eines jeden Menschen in all seinen Lebensphasen und Lebenssituationen einzusetzen, für den Frieden in der Welt und für den Aufbruch zu einem erlösten Leben. „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung (Mk 16,15).

Ich wünsche Ihnen zum Osterfest von Herzen, die Erfahrung der Gegenwart des lebendigen Christi in ihrem Leben!