Es riecht nach frisch geschnittenem Gras und Holz. Schritte knirschen auf dem Kies. Wo einst Baracken standen, werden heute Wege vom Unkraut befreit. Auf dem Gelände der Gedenkstätte Ravensbrück, nördlich von Berlin, ist wieder Workcamp-Wochenende. Über 30 Menschen sind gekommen – und sie alle haben ein Ziel: Erinnerung lebendig halten.
„Die ersten Male, die ich hier mitgefahren bin, hatte man schon ein komisches Gefühl“, erzählt Sebastian Rybot, der die Fahrt für Kolping Berlin organisiert hat. „Gestern habe ich gemerkt: Ich bin einfach dankbar, nach der Arbeit unter die Dusche gehen zu können. Das war hier unvorstellbar. Menschen haben zwölf Stunden geschuftet – ohne die Möglichkeit, sich irgendwo warm abzuwaschen. Das ergreift mich jedes Mal. Ich habe jetzt auch Gänsehaut.“
Ein Ort, der verändert
Ravensbrück war das größte Frauen-Konzentrationslager der Nationalsozialisten auf deutschem Gebiet. 130.000 Frauen aus ganz Europa wurden hierher deportiert, rund 40.000 überlebten die Lagerhaft nicht. Heute ist das Gelände ein stiller Ort – weitläufig, von der Natur fast zurückerobert. „Genau deshalb ist es so wichtig, dass wir hier sind“, sagt Rybot.
Seit 30 Jahren fährt die Kolpingjugend Berlin nach Ravensbrück. 1995 begann es mit einer spontanen Anfrage: Ein Haus auf dem Gelände sollte entrümpelt werden. Adalbert Jurasch war damals Jugendsekretär bei Kolping und erinnert sich: „Die Häuser waren in einem furchtbaren Zustand. Wir haben Gerümpel rausgeholt, in einer Schule in Fürstenberg übernachtet – manchmal auch in Zelten.“ Was einst als einmalige Hilfsaktion begann, wuchs zur festen Tradition – und schließlich sogar zu einer Verpflichtung: In einem Kooperationsvertrag mit der Gedenkstätte versicherte der Kolpingverband, jedes Jahr Arbeitseinsätze zu leisten.
Jung und Alt im Team
Heute ist Ravensbrück auch deshalb fester Bestandteil im Kolping-Kalender. Zweimal im Jahr kommt eine bunt gemischte Gruppe – vom Kita-Kind bis zur 80-jährigen Oma. Sie schneiden Büsche zurück, sammeln Grünschnitt oder tippen im Archiv verblassende Briefe von Insassinnen ab.
Einen solchen Brief liest Erika Döhring, die seit vielen Jahren an den Workcamps teilnimmt: „Hier scheint es sich um eine ältere Dame zu handeln. Sie schreibt an Angehörige in England und fragt immer wieder nach ihrem Mann. Und dann erzählt sie von ihrer Sehnsucht nach Salat und frisch gepflückten Kirschen.“
Es sind diese Augenblicke, in denen Geschichte erlebbar wird – und das Workcamp mehr ist als körperliche Arbeit. „Es ist natürlich anstrengend“, sagt Rybot. „Aber es macht Freude, wenn man sieht, was man geschafft hat. Und abends sitzt man zusammen, redet – dieses Gruppengefühl trägt.“
Erinnern mit Glauben
Zur Tradition gehört auch ein Gottesdienst. Die Gruppe feiert ihn an diesem Wochenende vor dem Haus der Lagergemeinschaft. Das erste Haus, das die Teilnehmenden der Workcamps vor 30 Jahren entrümpelten. Sich gegen das Vergessen einzusetzen findet Sophie Dziaszyk, Diözesanleiterin von Kolping Berlin, wichtiger denn je. „Ich wünsche mir, dass die Jugend motiviert bleibt. Damit die nächste Generation sieht, was für ein Ort das war – und dass so etwas nie wieder passieren darf. Gerade angesichts dessen, was heute in der Welt so los ist.“
Für Adalbert Jurasch ist das Engagement von Kolping auch aus einem anderen Grund wichtig: „Wir wissen, dass es bald keine Holocaust-Überlebenden mehr geben wird. Und deshalb ist es umso wichtiger, dass junge Menschen sich mit diesem Thema auseinandersetzen.“ Und fügt hinzu: „Unser Verbandsgründer Adolph Kolping hat einmal gesagt: Wer Mut zeigt, macht Mut – das gilt hier bis heute.“
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Kolpingwerk Berlin
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